Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Schlagwort-Archiv: Zahnarzt

Immer zur Unzeit

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In den letzten Wochen und Monaten hat sich mein Mann eine Unsitte angeeignet. Man könnte es ebenso Ärgernis nennen, meinetwegen auch Unpässlichkeit, in Tat und Wahrheit aber einfach nur Zufall.

Wie auch immer, er hat den Dreh raus. All die mehr oder mitunter auch weniger gravierenden medizinischen Notfälle, die sich in jüngster Vergangenheit ereigneten, hielten sich strikt ans gleiche Schema und hatten am Wochenende ihren Auftritt. Frühestens am Freitagabend nach Sonnenuntergang. Das jüngste Beispiel:

Mein Mann ist daran, sich die Zähne zu putzen. Unmutige Laute erreichen meine Ohren. Gibt es einen Grund, nicht mit dem Schlimmsten zu rechnen, wirbelt es durch meine Hirnwindungen, während ich die wenigen Meter bis zum Bad hinter mich bringe. Mit spitzen Fingern hält mir mein Mann ein kleines Stück Zahn entgegen, das ihm aus einer Krone herausgebrochen ist. Sauberer Schnitt – die Schaufel ist horizontal in der Hälfte abgebrochen. Da es dahinter eine Metallplatte hat, sieht mein Mann, so er sich denn unter den gegebenen Umständen zu einem Lächeln durchringen kann, aus, wie der kleine Bruder des Bösewichts aus dem 007-Streifen “Der Spion, der mich liebte”.

Das Ganze wäre vielleicht nicht ganz so schlimm, würden wir nicht morgen den Geburtstag meines Mannes im Rahmen einer kleinen Familienzusammenkunft feiern und wäre es nicht !!! Freitagabend !!!

Der Notfall-Zahnarzt zeigt sich am anderen Morgen wenig erfreut über meinen Anruf, findet gar, das sei kein Notfall. Doch ich lasse mich nicht beeindrucken und wir erhalten innert nützlicher Frist einen Termin. In der extra wegen uns geöffneten Praxis wird das Zahn-Fragment begutachtet, vor- und aufbereitet und schliesslich fachgerecht wieder hingepappt. Kostenpunkt: 329 Franken und 20 Rappen.

Wäre alles nicht nötig gewesen, hätte der Zahn mit unserem Sekundenkleber gehalten.

Unheimliche Begegnung

Zu Zahnärzten, das erkannte ich bereits im Kindesalter, kann man keine innige Beziehung aufbauen. So bin ich auch nie wirklich an einem Zahnarzt gehangen und habe mir die Zahnärzte stets so ausgesucht, dass sie mit minimalem Aufwand zu erreichen waren. Was lag also damals in Zürich näher, als mir den Zahnarzt in der Umgebung meiner Arbeitsstelle zu suchen? Ich schlug das Telefonbuch auf (ja, so etwas gab es damals noch und man benutzte es rege!) und wurde fündig. Zwar nicht sofort, denn Zahnärzte gab es gleich seitenweise im Telefonbuch. Ich suchte eine Praxis an passender Adresse, rief an, liess mir einen Termin geben und schritt ein paar Wochen später die kurze Distanz zum Zahnarzt ab, um meine Beisserchen kontrollieren zu lassen.

Im nicht mehr ganz neuen Geschäftshaus an der Badenerstrasse suchte ich die Klingeln ab, ignorierte den Lift und stand alsbald vor der Praxistüre im zweiten Stock. Ich hätte schon argwöhnisch werden sollen, als anstelle des „bitte läuten und eintreten“-Schildes nur eine normale Türklingel ohne Aufforderung war. Also läutete ich. Statt der erwarteten weissgeschürzten Praxisgehilfin öffnete mir ein älterer Herr, bat mich herein und schloss hinter mir mit dem Schlüssel wieder zu. Dann forderte er mich auf, ihm durch einen schummrigen Gang zu folgen.

Mir wurde ganz anders. War ich im falschen Film oder nur in der falschen Wohnung? Horrorszenarien schossen mir durch den Kopf, von denen Vergewaltigung noch das Niedlichste war. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt und mich aus dem Staub gemacht, aber dazu war es zu spät. So ergab ich mich meinem Schicksal und demzufolge in die Hände des Zahnarztes. Denn der ältere Herr war der Zahnarzt höchstselbst und mittlerweile in adrettes Weiss gekleidet.

An mehr Details dieses unheimlichen Zahnarztbesuchs kann ich mich nicht mehr erinnern. Mein Hirn hat den  Vorfall gnädig verdrängt und immerhin ist die Geschichte mehr als ein Vierteljahrhundert her. Doch selbst wenn mein Mund aus lauter Zahnruinen bestanden hätte und dieser Zahnarzt der Einzige im Umkreis von 1000 Kilometern gewesen wäre, dorthin hätten mich keine hundert Rösser mehr gebracht.

Altlasten

Ich kann mir bis heute nicht erklären, weshalb Leute einen Beruf wählen, bei dem sie den ganzen Tag in den Schlund anderer schauen. Nichts desto trotz bin ich froh, dass es solche Leute gibt. Und ebenso froh bin ich, dass ich ausser einigen Amalgam-Füllungen aus der Schulzeit keine weiteren Hypotheken in meinem eigenen Mund habe.

Heute ging es so einer Füllung mit gehörigem Zischen, Rumpeln und Sausen an den Kragen. In das danach klaffende Loch wurde eine zeitgemässe Keramik-Füllung eingesetzt. Mein Mund fühlt sich noch etwas tatterig an, aber das wird sich wieder legen. Spätestens wenn die Zahnarzt-Rechnung auf dem Tisch liegt, wird er sich in alter Frische aufsperren. Schätzungsweise ziemlich weit.

Untätige Gedanken

Was macht man, wenn man zwei Stunden lang zum Nichtstun abkommandiert wurde? Nichts tun? Nichts denken? Abschalten? Schlafen? Mag alles funktionieren in der Theorie, aber wenn die Praxis in einer Praxis stattfindet, in einer Zahnarzt-Praxis dazu, ist zumindest die Sache mit dem Schlafen schwierig.

Zwei Stunden lang den Mund geöffnet zu halten, ohne dabei auch nur ein einziges Wort sagen zu können, kommt für mich einer „Herausforderung“ gleich. Dafür haben meine Gedanken freien Lauf, sofern es mir gelingt, das Geräusch des Bohrers und des Speichelsaugers auszuschalten.

Diese Gedanken haben heute eine seltsame Wendung genommen. Mir ist, auf dem Zahnarzt-Stuhl liegend und diesen seltsamen Fleck an der Decke anstarrend (war es eine Mücke, das Staubsaugerrohr, der Rest eines zappeligen Patienten?) Folgendes bewusst geworden:

Es gibt Serien über Hausärzte, Spitalärzte, Frauenärzte, Bergdoktoren, Tierärzte und Schönheitschirurgen. Aber es gibt keine TV-Serien über Zahnärzte. Spritzen, Bohrer, Porzellanfüllungen und Wurzelbehandlungen haben offenbar zu wenig Jööö-Potential. Vermögen uns zwar zu Tränen zu rühren, lassen unser Herz aber kalt.

Arme Zahnärzte, dabei tun sie nur ihr Bestes. Auch wenn sie uns dabei manchmal quälen müssen bis aufs Blut.