Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

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Schon schön betont

Es war erst gut einen Monat her, dass mein Mann verstorben war. Da hatte mich eine Kollegin an einem Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Sie hatte eine Freundin eingeladen und gedacht, ich würde auch ganz gut in die Runde passen.

Wir drei Witwen verbrachten einen unterhaltsamen Sonntag. Ich erwähnte nebenbei mal, ich hätte vor wenigen Tagen Gäste bekocht. Da schaute mich die Frau, die ich erst wenige Stunden kannte, an und entgegnete völlig entgeistert diese zwei Worte, die mich seither nicht mehr loslassen:

“Jetzt scho-o-o-n?”

Ich war perplex. Was erwartete man von mir? Was dachte meine Umwelt im allgemeinen und diese Frau im besonderen von mir, was vier Wochen nach dem Tod meines Mannes angebracht wäre? Wie lange sollte ich mich daheim verkriechen? Trübsal blasen und Trauerkleidung tragen.

Tatsache ist: Ich habe nicht ein einziges Mal schwarze Kleidung getragen. Nicht mal an der Abschiedsfeier. Meine Trauer über den Tod meines Mannes äussert sich nicht darin, dass ich mit verweinten Augen herumlaufe, kein Radio an habe, mir keine Unterhaltung, kein Lachen und keine Kontakte zur Aussenwelt erlaube. Das wäre ganz und gar nicht im Sinne meines Mannes gewesen.

Wenn die besagte Witwe wüsste, was ich in nächster Zeit geplant habe, würde sie wahrscheinlich vor lauter “jetzt schon?” gehörig nach Luft schnappen.

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Grosses Kino

Mein Lieblingsplatz ist unter der grossen Eiche. Von hier aus kann ich – gemütlich im Schatten der ausladenden Äste sitzend – durch einen noch nicht ganz perfekten Bogen in der Buchenhecke über den Rasen hinweg und durchs Gestrüpp den See sehen. Es gäbe noch viele schöne Plätze auf dem Areal, und von jedem aus hätte ich einen schöneren Ausblick als daheim. Doch nur von diesem Logenplatz aus komme ich in den Genuss eines einzigartigen Kinospektakels.

Zugegeben, so ein einzelnes Huhn ist noch nicht wirklich spektakulär. Auch nicht von hinten. Aber wer spricht denn hier von einem einzelnen Huhn? Wir haben ja gleich Dutzende!

Da kommt vielleicht mal die Hühner-Mutter mit ihrer frechen Jungschar daher. Vor gut drei Wochen waren die sieben Kleinen noch nie weiter als 30 Zentimeter von der Henne entfernt. Mittlerweile erkunden sie schon ziemlich ungeniert die Landschaft, wenngleich immer noch in Sichtweite der Mutter. Diese scharrt unermüdlich mit ihren starken Füssen den Boden auf, damit Insekten und allerlei Sämchen zum Vorschein kommen, die ihre Kleinen gross und stark machen sollen.

Dann erscheint der hässlichere der beiden Gockel im Bild. Obschon von der Hundeattacke noch immer gezeichnet, ist er sich seines Status bewusst und schreitet würdevoll mit seinem knappem Schwanzfedernbesatz über die frisch verschissene Wiese. Ohne zu jodeln. Doch das sieht das Drehbuch ohnehin nicht vor.

Im nächsten Akt des Schauspiels rast eine Henne quer über die Wiese. Sie verschwindet stillschweigend im Gebüsch. Ob sie selber weiss, weshalb sie es so eilig hatte?

Von unserem Logenplatz aus haben wir gelernt: Wenn ein Huhn Luftsprünge macht, so geschieht das nicht aus Freude über das schöne Wetter, sondern weil es einem Insekt hinterher jagt. Manchmal mit Erfolg.

Für die akustische Untermalung der Szenen sorgt das Gegacker in vielen Tonlagen. Mal laut klagend. Mal kurz und übermütig. Dann wieder sirenenmässig oder wie kurz vor dem Tod durch Ertrinken.

Die Viecher sind auch immer wieder gut für eine pornografische Einlage. Die zwei Güggel wollen schiesslich beschäftigt sein. Leider dauert so ein Begattungsakt nur wenige Sekunden, sodass mein Fotoapparat nicht mal das Objektiv ausgefahren hat, wenn der Hahn schon wieder auf dem Runterweg ist.

Herrlich zu beobachten die Einlage, wo ein Huhn dem Hahn (liebevoll turtelnd?) etwas in den Schnabel steckt. Mehrmals hintereinander. Wo bleibt die Emanzipation im Hühnerhof???

Der Lieblingsplatz aller Hühner befindet sich am Rande der Bildfläche. Unter der Buchenhecke verstecken sie sich gerne und scharren die dürren Zweige und Blätter hervor, die wir – mit genauso viel Beharrlichkeit wie sie, nur im umgekehrten Sinn – immer wieder unter die Hecke kehren.

Hahnenkämpfe hatten wir auch schon. Und wie im richtigen Leben ging es auch hier um…? Frauen!

Etwas gemächlicher geht es bei den älteren Damen zu und her, die in der Mauser sind. Ob so ein Huhn auf der nackten Haut auch einen Sonnenbrand bekommen kann? Nichts desto trotz kann auch eine alte Hühner-Tante eine ganz schöne Geschwindigkeit entwickeln. Und in Sachen Gegacker lässt sie sich von der aufmüpfigen Jugend nichts vormachen.

Die fünfköpfige Jungschar streift fast immer als Quintett durch die Szene. Die vier Monate alten Junghennen sind am resistentesten gegen sämtliche Versuche, sie von den Himbeeren fern zu halten. Doch diesen Nebenschauplatz kann ich von meinem Lieblingsplatz aus nicht überblicken.

Über alles gesehen sind so Hühner ein durchaus entspannender und vielseitiger Anblick. Jedenfalls wenn sie so viel Auslauf haben wie hier. Die Kinovorstellung findet jeden Tag von neuem statt. Aber nicht jeden Tag mit den gleichen Einlagen.

Von wegen „dumme Hühner“ – sie lassen sich jeden Tag etwas Neues einfallen. Und als Gage nehmen sie gerne altes Brot. Genügsam sind sie also auch noch.