Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Schlagwort-Archiv: Portugal – Spanien

Entschollen!

Es hat mich wirklich eiskalt erwischt, als ich feststellen musste, dass mein Surfstick den Geist aufgegeben hatte. Mitten in der Reise, mit noch vier Wochen vor mir. Dabei wollte ich doch alle paar Tage einen Blogbeitrag veröffentlichen. Wollte euch berichten, was uns passiert ist. Wollte euch erheitern mit unseren Erlebnissen, gluschtig machen mit schönen Fotos.

Aber es kam bekanntlich anders. Meine Bemühungen, in Portugal Ersatz für meinen schlappen Surfstick aufzutreiben, verliefen im Sand; stets heftiges Kopfschütteln, wenn ich nach einem Stick ohne SIM-Lock fragte. Ich begann mich langsam mit der Idee anzufreunden, dass ich vielleicht nur noch einmal pro Woche ins Netz kann. Einmal schleppte ich mich in ein Lokal, wo es einen drahtlosen Internet-Zugang gab, denn ich musste ein wichtiges Mail verschicken. Einmal konnte ich ein Netz anzapfen – bequem vom Wohnmobil aus.

Und dabei bleib es dann. Denn ich mag nicht mit dem Notebook unter dem Arm durch eine Altstadt schlendern, bis ich ein – ! hechel ! – WiFi-Zeichen an einer Türe ausmachen kann. Und bei MacDonalds verpflegen mag ich mich auch nicht, nicht mal gegen einen kostenlosen Internet-Zugang. Logo, in der Hinsicht bin ich eine altmodische Tante. Längst hat WordPress Möglichkeiten geschaffen, dass Blog-Beiträge auch von einem Smartphone aus veröffentlicht werden können. Mein Mobiltelefon aber kann wenig mehr als telefonieren – und daran werde ich auch nichts ändern.

Zweieinhalb Wochen, 19 Tage, offline. Abgenabelt von der Welt. Keine Mails, keine Kommunikation mit Freunden aufrecht erhalten, erst recht keine neuen Beiträge im Flohnmobil. Ich wurde schon per SMS angefragt, ob der Surfstick nicht mehr funktioniere.

Mit jedem Tag, der ins verregnete Land zog, wurde ich etwas gleichgültiger. Jetzt dauert es dann ja nur noch eine knappe Woche. In spätestens vier Tagen sind wir daheim, dann bin ich saniert. Ich versuchte mir einzureden, dass ich bestimmt nichts verpasse, wenn ich noch ein paar wenige Tage lang ohne Internet bin.

Und ich habe es tatsächlich überstanden! In dem Moment, wo diese Zeilen entstanden sind zwar noch nicht, aber bis ihr sie im Flohnmobil lesen könnt ganz bestimmt. Ja, wir sind wieder zu Hause. Um mehrere Tausend Euro erleichtert. Mit ein paar Tausend Kilometern mehr auf dem Tacho. Um viele Erfahrungen bereichert. Den Kopf voller schöner Bilder. Und die Sonnencreme-Tuben nicht ganz so leer, wie der Anfang der Reise hätte erahnen lassen.

Wisst ihr, was jeweils das Schlimmste ist, wenn wir nach einem Trip quer durch halb Europa nach Hause kommen? Wir haben so viele neue Regionen gesehen, die wir auch mal ausgiebiger bereisen möchten, dass wir gleich wieder losfahren könnten. Eine dieser Neuentdeckungen werde ich euch – auch wenn es mittlerweile alter Kaffee ist – morgen vorstellen. MORGEN, und nicht irgendwann mal.

Portugal – der Rückblick

Mein innig geliebter Mitreisender und ich stellen einen gewissen Unmut fest. Wir mögen nicht mehr enge, verwinkelte Gässchen durchlaufen auf dem Weg nach der Kirche XY. Wir haben keinen Bock mehr auf verlassene Dörfer, prunkvolle Klöster und hoch über der Stadt thronende Burgen. Haben genug Windräder gesehen und sind mit dem Anblick der kargen Landschaft gesättigt. Kurzum: Wir haben’s gesehen. Wie praktisch, dass wir bereits im Norden Portugals angekommen sind. Braganca ist unsere letzte Station und von hier aus unternehmen wir auch seit über einer Woche wieder einmal eine Velotour. Der Mitreisende und ich sind uns sofort einig: Das haben wir vermisst. Uns bewegen können, das ist mehr unsere Welt, denn irgendwelchen Sehenswürdigkeiten nachzutrotten.

Zeit also, um Bilanz zu ziehen. Die vorhergegangenen Zeilen sollen nicht den Anschein erwecken, Portugal sei die weite Reise nicht wert. Portugal ist die Reise wert! Jeden einzelnen Kilometer. Es hat schöne Strände (auch wenn wir nicht mal den grossen Zeh nass gemacht haben), grandiose Landschaften, eine bemerkenswerte Hauptstadt, freundliche Leute (mit denen wir uns leider nur vereinzelt unterhalten konnten). Und Portugal ist für unsere Verhältnisse sehr günstig. Ein Kaffee schlägt mit 0.55 bis 1.2 Euro zu Buche, ein Bier 1.20. Essen kann man für unter 10 Euro (auch wenn die portugiesische Küche einer gewissen Raffinesse entbehrt), die Teller sind so gefüllt, dass man zu zweit an einem Menu genug hätte. Beim Einkaufen in den Läden und Märkten glaubten wir immer, die Kassiererin hätte einen Teil auf dem Rollband einfach durchgewunken.

Kein einziges Mal wurden wir behelligt. Niemals wollte uns jemand vom auserwählten Übernachtungsplatz wegschicken. Selbst dann nicht, wenn im Ort ein Campingplatz war. Frei übernachten ist überhaupt kein Problem, wir waren in einem Monat nur 5 x auf einem Campingplatz, davon 3 x in Lissabon. Im Gegensatz beispielsweise zu Tschechien, wo wir noch am entlegensten Waldrand für den Parkplatz zur Kasse gebeten wurden, sind in Portugal höchstens in den Ortszentren Parkuhren anzutreffen.

Der Zustand der Strassen hat sich stark verbessert, seit die EU baggerweise Geld geschaufelt hat. Als wir 1995 mit dem VW-Bus hier waren, mussten wir häufig von Schlagloch zu Schlagloch hüpfen. Heute trifft man nur noch vereinzelt Strassen mit dem Prädikat „aus dem letzten Jahrtausend“ an. Auch die Eselsfuhrwerke, die vor 16 Jahren im Norden noch gang und gäbe waren, sind praktisch verschwunden.

Wir haben uns ab und zu gefragt, wie sich die Portugiesen ihren Lebensstandard mit einem Durchschnitts-Einkommen von 1’500 Euros leisten können. Materiell sitzen sie irgendwie auf dem hohen Ross, ein gewisser Hang zum Grössenwahn ist hüben wie drüben feststellbar. Jeder scheint ein Auto zu besitzen, der Sprit ist teurer als bei uns, ein Smartphone gehört zum guten Ton und in Lumpen laufen sie auch nicht herum. In vielen Ortschaften wurden prunkvolle Freizeit- und Gartenanlagen erstellt, Kinderspielplätze in der Grösse, wie sie unsere Kids nicht mal vom Hörensagen kennen. Und viele hat die EU mitfinanziert. Nun ist im Lande der damaligen Weltentdecker Sparen angesagt. Wer schnallt schon gerne den Gürtel enger, wenn er in den vergangenen Jahren aus dem Vollen schöpfen konnte?

Ach, ist das süüüüüss!

Die Portugiesen sind eine verschleckte Nation. Das kommt meinem innig geliebten Mitreisenden und mir nicht ungelegen, haben wir doch auch gern Süsses. Ein Tag ohne Kaffee und irgendein Goodie ist ein schlechter Tag. Aber hier in Portugal muss man nie lange suchen, bis man eine Pastelaria (vermutlich unser erstes und wichtigstes Wort auf Portugiesisch) antrifft. Und das Angebot ist umwerfend! Vom Preis gar nicht zu schweigen. Wir werden es uns zu Hause schleunigst abgewöhnen müssen, jeden Tag Kafi und Guzi. Doch hier schlägt so etwas höchstens mit 3.5 Euro zu Buche. Der Kaffee kostet meist 60 Cents, das Glas Wasser dazu, das ich immer mitbestelle, wurde noch nie verrechnet.

Dass die Portugiesen es gerne süss mögen, zeigt sich nicht nur in den Auslagen des abgelegensten Cafés. In den Zuckerbeutelchen hat es mit 6 oder 7 Gramm auch wesentlich mehr Zucker, als daheim. Würde ich den ganzen Inhalt ins Mini-Tassli kippen, könnte ich gleich den Löffel reinstecken. Ich mag’s wirklich gern süss – aber was zu viel ist, ist zu viel.

In den Serras

Nun hat mich so etwas wie ein Supergau ereilt – mein Surfstick hat den Geist aufgegeben. Diesen Beitrag hatte ich noch geschrieben, als alles in Butter war, wollte ihn nochmals durchlesen und dann abschicken und dann einfach nichts mehr. NICHTS MEHR. Und das im tiefsten Portugal! Ich habe schon mehrere Versuche unternommen, einen neuen Surfstick zu beschaffen, aber die scheinen alle SIM-locked zu sein. Nun muss ich mich vorläufig als Pirat betätigen und mich in fremde Netze einschleichen – so wie heute. Vielleicht werde ich in Zukunft nur noch Beiträge ohne Bilder schreiben, vielleicht finde ich eine befriedigende technische Lösung. Mal sehen. Nun also der Post, der schon am letzten Samstag online hätte gehen sollen:

Gebirge ziehen uns mehr an als das Meer. Das Meer hier an der Westküste Portugals ist rau, kalt und meist etwas monoton. Über Sanddünen watscheln mögen wir genauso wenig wie als paniertes Schnitzel herumliegen. Kurzum: Mein innig geliebter Mitreisender und ich sind keine Wasserratten.

Der Norden Portugals ist wesentlich gebirgiger – nein, bleiben wir bei der Wahrheit – hügeliger, als der Süden. Wir haben die Serra da Lousa durchfahren. Dort geht es bis 1‘202 m hinauf. Nicht mit den Wanderschuhen, sondern fahrenderweise auf einem rumpligen Teerbelag. Und was erblickt das Auge von dort aus? Hügelkämme in sämtliche Himmelsrichtungen. Und auf allen Hügelkämmen Windräder. Tausende von Windrädern gibt es in Portugal. Da diese Hügelkämme unbewohnt und auch ungenutzt sind, richten die lärmigen Windräder quasi keinen Schaden an. Von einem traumhaft schön gelegenen Übernachtungsplatz bei einer Kapelle aus können wir uns am Abend eingehend mit der Funktionsweise der Windräder auseinandersetzen. Schon genial, diese drei Rotorblätter, nie gibt es einen toten Punkt.

In der schroffen Nordseite der Serra Lousa hat sich so etwas wie Mischwald erhalten können. Das ist eine wohltuende Abwechslung zu den monotonen aufgeforsteten Eukalyptus- und Föhrenwäldern, die man sonst in Portugal antrifft. Die Gegend ist – jedenfalls für portugiesische Verhältnisse – reich an Wasser. Und dieses Wasser in den Flüssen kann man meist ohne Lupe ausmachen. Es lockt auch zum Bade. Dazu habe ich mich bereits separat geäussert.

Das nächste Gebirge am Weg ist die Serra da Estrela, wo mit dem 1993 m hohen Torre Portugals höchster Berg steht mit dem einzigen Skigebiet des Landes. In einem Laden unten im Flachland werden neben den obligaten Lederwaren, Käsen und Schinken Mützen und Handschuhe verkauft. Neben der Eingangstüre stehen zwei Paar Schneeketten. Die Strasse ist gut ausgebaut, die Vegetation eher kümmerlich und was bis vor einem Jahr noch wuchs, hat ein Feuer verwüstet. Das felsige Gelände erinnert etwas an die Grimsel. Etwas. Denn dazu fehlt definitiv noch etwas an Panorama.

Mein innig geliebter Mitreisender (seines Zeichens Skilehrer) und ich krümmen uns ab dem Skigebiet. Ein Vierersessellift, drei Skilifte und etliche Schneekanonen. An der Talstation steht ein museumsreifer Ratrac. Das ganze Gebiet ist von einem Drahtgeflecht umgeben und etwa halb so gross wie der Atzmännig. Eine breite Strasse führt bis zuoberst auf den Gipfel. Wir haben unseren alpinistischen Stolz überwunden und sind hochgefahren.

Ein Gletschertal macht hier oben von sich reden. Es verläuft schnurgerade Richtung Manteigas. Selbstverständlich ist schon Jahrtausende lang kein Eis mehr vorhanden. Die Serra da Estrela ist eher fast ein liebliches Gebirge. Die Vegetation ist nicht üppig, Bäume hat es praktisch keine, auch wenn auf diesem Breitengrad die Waldgrenze weit über 2‘000 Metern liegt. Der Wind wird wohl ziemlich üppig über diesen Landstrich fegen.

Szenenwechsel. Zurück an die Küste nach Aveiro. „Venedig Portugals“ wird dieses Universitätsstädtchen etwas gar abgehoben genannt. Tatsache ist, dass es ein paar Kanäle gibt, die von der Lagune her ins Städtchen reichen. Diese werden heutzutage mit bunten Booten und neugierigen Touristen drauf befahren. Wir haben uns auch für so eine 45-minütige Tour hinreissen lassen. 5 Euro sind ja nicht alle Welt.

Nun sind wir – Wäsche war mal wieder fällig – auf einem Campingplatz und geniessen echt portugiesisches Campingleben. War der Campingplatz in Lissabon vorwiegend von ausländischen Touristen benutzt, ist dieser hier mehr oder weniger eine rein portugiesische Angelegenheit. Die – schwer zu schätzen – etwa 200 Wohnwagen stehen verheerend nahe beisammen, die Autos müssen draussen bleiben. Für Durchgangs-Touristen hat es gerade mal eine Handvoll Plätze. Es gibt einen einzigen Ausgang, das ganze Gelände ist eingezäunt. Ich mag lieber nicht dran denken, was passieren könnte, wenn eine Gasflasche in die Luft geht.

Hier haben wir endlich mal einen Blick ins „Reisemobil International“, Ausgabe Juni 2011, geworfen. So erfahren wir, dass hier in Portugals Norden gewisse, bis anhin kostenlose Autobahnen, nun auch etwas kosten. Die Erfassung erfolgt elektronisch, man muss sich ein Kästchen, ähnlich wie die Go-Box, anschaffen bzw. als Tourist mieten. Davon hatten wir null Ahnung und haben uns bestenfalls gewundert, was die Erfassungsgeräte dereinst sollen. Gestern – und wirklich erst gestern, haben wir erstmals eine solche scharf geschaltete Autobahn befahren. Ob die Erfassungsgeräte unsere schittere Schweizer-Nummer entziffern können, damit sie wissen, wohin die Rechnung geschickt werden muss? 

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Der Fluss, er lädt zum Bade

„Praia Fluvial“ heisst das Zauberwort, wenn man in Portugals Landesinneren Abkühlung sucht. Eine Praia Fluvial ist ein zu einem Schwimmbecken aufgestauter Fluss mit ganz unterschiedlicher Infrastruktur. Mal hat es Picknicktische und Schatten, mal noch eine Bar, vielleicht sogar Duschen, einen Kinderspielplatz, manchmal eine Andeutung von Liegewiese oder auch nur Steinstufen.

Der Womo-Führer, mit dem wir unterwegs sind, erwähnt immer wieder und mit grosser Vorliebe solche Badeplätze. Wir hatten in den letzten Tagen mehrere solcher Praia Fluvial gesehen. Die ersten beiden waren vergammelt, das Wasser bestenfalls knöchelhoch. Der nächste dafür zum Luxus-Badeplatz ausgebaut mit einem künstlich verbreiterten Flusslauf und zig Sonnenschirmen und Liegestühlen auf dem betonierten Uferbereich bestückt. Dann folgte buchstäblich ein Wechselbad zwischen veritablen Schwimmbecken und Fussbadewannen. Der erwähnte Luxus-Badeplatz dürfte Eintritt kosten, ansonsten ist einfach alles zum kostenlosen Benutzen da.

Am Rio Alva hatten wir an einer Praia Fluvial übernachtet, bei der sogar Sand für den „Strand“ angekarrt wurde. Das Wasser war etwas trübe, uns war es wohl im Schatten und so kam kein Bedürfnis auf, in die Brühe zu steigen, in der man offensichtlich dreckiger raus kam als man rein stieg. Nach dem Nachtessen machten wir wie üblich noch einen Rundgang. Dabei kamen wir am Dorfwaschplatz vorbei, der 100 m flussaufwärts direkt am Wasser liegt. Dort traktierten gerade zwei Frauen ihre Wäsche, ein Mann schrubbte sein Auto. Und die ganze Kloake lief ungehindert in den Fluss rein. Wir überlegten schaudernd, was sonst noch alles aus den zahlreichen Dörfern stromauf- und abwärts in den Rio Alva laufen könnte. Seither müssen wir nicht mehr lange überlegen, ob wir in einem Portugiesischen Fluss baden wollen oder nicht.

Die mit der grossen Klappe

„Ich glaub doch nicht an den Storch“, ist eine gängige Redewendung, wenn man jemandem sagen will, dass man nicht alles für bare Münze nimmt, was er gerade von sich gegeben hat.

Ob es eine ähnlich storchige Redewendung auf Portugiesisch gibt, weiss ich nicht. Was ich aber mit Sicherheit weiss: In Portugal hat es m-a-s-s-e-n-h-a-f-t Störche. Massenhaft. Ich habe hier in den vergangenen drei Wochen so viele Störche gesehen, dass ich diesbezüglich für den Rest meines Lebens eingedeckt bin. Meister Adebar nistet auf Fabrikkaminen. Auf Vorsprüngen von Kirchtürmen. In Bäumen. Ungeniert auch auf altehrwürdigen Gebäuden. Auf Hausdächern, Ruinen, Fabrikhallen. Zuoberst auf Hochspannungsmasten, gerne gleich in ganzen Trupps und in mehreren Etagen. Die etwas weniger Schwindelfreien haben im untersten Drittel des Masts ihr Nest gebaut. Ich hab sie auf der Strasse dahinschreiten sehen. An Flussufern und in Reisfeldern stochern. Auf Wiesen und Feldern. Zwischen Korkeichen und Eukalyptus-Bäumen.

Nur auf dem Wohnmobil-Dach waren sie meines Wissens noch nie. Sonst wäre selbst ich noch geneigt, an den Storch zu glauben.

Das Ende der Beschaulichkeit

Wir haben uns nichts Böses dabei gedacht, als wir in der Parkanlage in Serta ein schattiges Plätzchen anfuhren. Das Thermometer zeigte satte dreissig Grad, Schatten war gefragt, in diesem Ort kein allzu rares Gut.

Das Schicksal nahm seinen Lauf, als mein innig geliebter Mitreisender die Campingstühle in der gepflegten Grünfläche aufstellte. DAS sollte man vielleicht nicht machen, zumal selbst die Portugiesen auf die offensichtliche Abkürzung über die Wiese, pardon – den Rasen – verzichteten. Unter den Augen zahlreicher neugieriger Portugiesen schritt plötzlich ein Uniformierter des Weges. Er trug schwarze Stiefel bis unter die Knie. Lange Sporen hatten die Treter, als wenn er angeritten gekommen wäre – aber er war definitiv im Jeep vorgefahren. Er bellte uns an, dass wir hier nicht „campieren“ dürften. Natürlich auf Portugiesisch, aber wir konnten schon erahnen, was er von uns wollte. Wir verschoben uns ein paar Meter und platzierten die Campingstühle ins Kies um, so dass wir die hehre Grünfläche nicht mehr entweihten mit unseren profanen Birkenböcken.

Die Beschaulichkeit konnte weitergehen. Das tat sie auch. Vor allem, weil mein innig geliebter Mitreisender die nächstgelegenen Rasensprenger-Düsen mit einem Stein beschwert hatte. Grad jedes Dreckwasser lassen wir auch nicht an unser Womi ran! Wir gingen essen und weil das hierzulande nicht vor 20.00 geschieht, kamen wir entsprechend spät wieder zum Womi zurück. Vollgefressen wie wir waren, konnten wir trotzdem nicht sofort einschlafen. So waren wir immer noch hellwach, als kurz vor 24.00 Uhr ein Fahrzeug neben uns parkierte, das wir zuerst als Wohnmobil erachteten.

Weit gefehlt! Das Wohnmobil war eine Imbissbude. Und diese rollte nicht nur ihre Markise runter, sondern setzte auch einen laut dröhnenden Generator in Gang. Uns blieb nur die Flucht! Vom anderen Ende des Parkplatzes aus konnten wir sehen – an Schlaf war vorerst nicht zu denken – dass die Hamburger regen Zulauf zu verzeichnen hatten. Als ein weiteres grosses Fahrzeug anzurollen schien, meinte der Mitreisende lakonisch: „Jetzt chunnt no dä mit em Magebrot.“

Wie Phönix aus der Asche war der Imbissstand aufgetaucht. Und da der Zulauf, oder vielmehr das Gekarre zum Stand, auch drei Stunden später noch anhielt, mussten wir uns aus dem Staub machen. Aber diesmal definitiv weiter weg. Unseren Schönheitsschlaf holten wir erst in der folgenden Nacht nach.

In der Hauptstadt

Lissabon – „Lisboa“, wie man hierzulande sagt, ist die leicht abgeblätterte Metropole Portugals. Dreimal nahmen wir den Weg vom Campingplatz in die Innenstadt unter die (fremden) Räder. Wir machten eine Stadtführung mit dem Bus, wo man uns an berühmte Orte wie den Turm von Belem, das Altstadtquartier Alfama, die Avenida Liberdad etc. führte. Während zwei Tagen erkundeten wir Lissabon auf eigene Faust. Wir fuhren mit dem berühmten Electrico 28, dem altersschwachen Trämli, das sich durch die engen, steilen Gassen windet. Nach einer Fahrt mit dem über hundertjährigen Aufzug Santa Justa konnten wir über die Dächer Lissabons schauen. Jedenfalls über einen Teil der 2-Millionen-Metropole, die auf sieben Hügeln verteilt am Ufer des Tejo liegt. Wir spazierten über die spiegelblank polierten, zweifarbigen Kopfsteinpflaster aus Kalkstein und Basalt, die so typisch nicht nur für Lissabon sondern für ganz Portugal sind.

Wir staunten über die zahlreichen Monumente. Einen gewissen Hang zum Grössenwahn kann man den Portugiesen in diesem Zusammenhang nicht absprechen. Um das Monument des Marqes de Pombal, der von einer riesigen Marmor-Säule aus die Avenida Liberdad herunterschaut, führt ein fünfspuriger (f-ü-n-f!!!) Kreisel. Nicht weniger gigantisch ist beispielsweise das Denkmal (welcher König war es denn schon wieder?) an der Praca do Comercio.

Und natürlich haben wir von den weltberühmten Pasteis de Belem gekostet. Mehrfach. Und dabei herausgefunden, dass man diese Küchlein am besten frisch und leicht lauwarm gleich vor Ort isst. Auch wenn das Café mit über 500 Sitzplätzen in mehreren Räumen etwa den Charme eines Bahnhofbuffets verströmt. Mit nach Hause nehmen bringt’s nicht. Abgekühlt werden die Küchlein schnell blechig-pappig.

Nach drei Tagen waren wir gesättigt von dem Trubel, Verkehrschaos und Lärm der Grossstadt. Wir verliessen Lissabon nordwärts. Ruhe und Beschaulichkeit war angesagt. Die fanden wir an der Lagoa de Obidos. Während sich jenseits der Düne der Atlantik mit grossen Krachern austobt, ist hier das Wasser ruhig. Und warm? Wir wissen es nicht – noch immer steht das erste Eintauchen ins Salzwasser an.

Nach klingenden Namen wie Nazare (berühmtestes Seebad am portugiesischen Atlantik, aber definitiv too busy für uns), Batalha (riesiges Kloster) und Tomar (zweistöckiges Äquaduct aus dem Mittelalter, Tempelritterburg und angeblich schönster Ort Portugals, aber momentan EINE Baustelle) sind wir nun in einem Ort, der in keinem Reiseführer erwähnt ist. Dabei ist Serta ein durchaus beschaulicher Ort am Zusammenfluss zweier Flüsse in der Serra de Alvelos. Die Beschaulichkeit hatte aber gestern zur Unzeit ein abruptes Ende gefunden. Weshalb, soll hier noch nicht verraten sein.

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Perfekt installiert und inszeniert

Für 5.60 Euro hat sich uns heute das Tor nach Lissabon geöffnet. Über die gigantische Ponte da Vasco da Gama sind wir von Osten her über den Tejo gefahren. Hier ein paar Auszüge aus Wikipedia:

Sie ist mit 17,185 km eine der längsten Brücken der Welt und die längste in Europa. Die maximale Spannweite beträgt 420 Meter, die Pylone sind 155 Meter hoch. Über die Brücke führt die Autobahn A12 mit sechs Fahrstreifen. Die Brücke wurde (teils privat, teils durch EU-Hilfen finanziert) zwischen 1995 und 1998 zur Weltausstellung Expo 98 erbaut, um die Ponte 25 de Abril sowie weitere Infrastrukturen Lissabons vom Nord-Süd-Verkehr zu entlasten.

Über die meist mindestens dreispurige und total leere Autobahn (die Portugiesen haben wohl etwas vorgeschlafen für die Sause heute Abend) hat uns das Navi in den Campingplatz am Rande eines Parks gelotst. Hier sind wir für die nächsten Tage einquartiert. Der Campingplatz liegt 5 km ausserhalb des Zentrums und verfügt über einen sehr hohen Ausbau-Standard. Die Plätze für Womis sind parzelliert, man steht auf betoniertem Untergrund und zu jedem Stellplatz gehört ein eigener Tisch, Wasserhahn mit Ausgussbecken, Steckdose und ein Abfalleimer. Und das alles für 24 Euro. Wir stehen angenehm im Schatten unter grossen Eukalyptus-Bäumen. Dank der perfekten Infrastruktur kommt es mir nicht nur vor wie in Australien, es riecht auch so. Käme nun noch ein Känguru daher gehüpft oder würde mich ein wuscheliger Koala schläfrig anblinzeln – die Illusion wäre perfekt.

Nach dem Einrichten haben wir als erstes die Waschmaschine gestürmt. Nach 2 ½ Wochen roch die Bettwäsche schon langsam aber sicher nicht mehr so ganz frisch und der Sack mit den miefenden Kleidern hat sich auch stetig gefüllt.

Alles hat bis jetzt tip-top geklappt. Wir können der Stadtbesichtigung Lissabons und dem Umzug heute Abend, der zu Ehren des Stadtheiligen Sao Antonio durchgeführt wird, gelassen entgegenschauen. Solltet ihr längere Zeit nichts mehr von mir hören, so sind wir wahrscheinlich im Trubel untergegangen.

Ach ja, was ich noch sagen wollte: Lissabon sonnig, 27 Grad.

Der 1. August am 10. Juni

Wenn unser Reiseführer richtig recherchiert hat, stammt 50 Prozent der weltweiten Kork-Produktion aus Portugal. Und davon wiederum der allergrösste Teil aus dem Alentejo. Und in dieser Region südöstlich von Lissabon sind wir seit ein paar Tagen unterwegs.

Die eher monotone Landschaft ist geprägt von Korkeichenwäldern, Olivenhainen und einer schier grenzenlosen Weite. Wo genügend Wasser vorhanden ist, gedeihen auch Reben, und – eher überraschend – Sonnenblumen. Wo sie wachsen, verwandelt sich die Landschaft von Gelb in Grün. Bis an den Horizont. Die Sonnenblumen beginnen hier gerade erst zu blühen.

Den letzten richtigen Regen hatten wir vor etwa 10 Tagen. Seither ist aber die Temperatur nicht immer so, wie man es sich hierzulande vorstellen könnte. Zweimal schon mussten wir am Morgen heizen. Ist ja unerhört! Aber bei 11 Grad mag ich nicht unter der Bettdecke hervorkriechen.

Es gibt Städte, da hat man mit dem Wohnmobil einfach nichts verloren. Beja ist so ein Fleck auf der Landkarte. Nach zwei Runden am Rande der Innenstadt hätten wir bei der Parkplatzsuche beinahe resigniert. Viel verpasst hätten wir nicht. Die Stadt bietet in unseren Augen nur bescheidene Highlights. Ganz im Gegensatz zu Marvao. Das Festungsstädtchen in der Nähe der spanischen Grenze ist ein Juwel. Die Burgmauer ist vollständig erhalten, das Castelho in gutem Zustand. Der Blick auf das Umland von diesem Adlerhorst aus ist schlicht und ergreifend fantastisch!

Überhaupt hat es in der Serra de Mao Marmede, unweit der spanischen Grenze, ein paar sehr schöne Dörfer. In einem solchen haben wir von gestern auf heute übernachtet, direkt unterhalb der Altstadt auf einem Parkplatz. Wir hatten uns gerade so gemütlich zum schlummern hingelegt, da paukte es draussen. Und wenn ich „pauken“ sage, dann meine ich es für einmal auch. Gegen 22.30 Uhr – da ist es selbst in Portugal finstere Nacht – zog eine Musik durch die Strassen. Zuvorderst der Mann mit der Pauke, dahinter Trümmeler und Trompeter. Ob die für den heutigen Nationalfeiertag geübt haben?

Wie die Portugiesen ihren „1. August“ feiern, wissen wir (noch?) nicht. Aber frei habe sie offensichtlich. Wir stehen jetzt nämlich an einem sehr malerisch gelegenen Stausee und sind gut überwacht von zahlreichen Fischern und Badenden.

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