Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Schlagwort-Archiv: Mitmenschen

Uferloses Gespräch

Während mein innig geliebter Mitbewohner und ich im Begriff waren, das Ruderboot für die kommende Fischer-Saison flott zu machen, quakte es plötzlich vom Ufer her. “Gönzi scho go fische?”

Der Mitbewohner und ich drehten uns um und sahen eine magere Gestalt mit fragendem Blick am Ufer stehen. Die Körperhaltung der alten Frau liess keinen Zweifel offen, ob es sich hier vielleicht um eine rhetorische Frage gehandelt haben könnte. Eine Antwort unsererseits schien unumgänglich. “Efängs parat mache”, entgegnete der Mitbewohner. Wir waren beide schwer beschäftigt und wollten unser Werk vollenden. Small Talk war momentan wirklich nicht nach unserem Gusto.

Die Frau liess nicht locker. Nach einigen Floskeln verkündete sie schliesslich: “Wüssezi, ich bin mit ere Wandergruppe underwägs. Aber ich laufe immer echli voruus. Die Andere schnurremer z’viel.”

Das mit dem Zuviel und überhaupt wird wohl für alle Ewigkeit Ansichtssache bleiben.

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Menschliche Wunder

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen,

wie Leute,

die sonst immer in den frühen Morgenstunden aus dem Haus flüchten,

damit sie sich möglichst wenig mit dem Ehegatten herumschlagen müssen,

plötzlich sesshaft werden,

wenn sie ihr Auto vom Schnee befreien müssten.

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Links–rechts–links

Nein, hier geht es nicht um einen politischen Wendehals. Auch nicht um jemanden, der links und rechts nicht unterscheiden kann. Hier und jetzt geht es um Rituale. Begrüssungs-Rituale.

Begrüssungs-Küsschen haben sich eingebürgert. Waren es früher deren zwei, sind es mittlerweile drei. Zumindest bei uns in der Schweiz. Genau genommen handelt es sich zwar nur um Wangenbehaucher. Die wahren Küsse hebt man sich für den Liebsten oder die Liebste auf.

Aber wer kommt in den “Genuss” der Wangenbehauchung? Wie gut muss ich jemanden kennen, bis er/sie sich für meinen Begrüssungs-Kuss qualifiziert hat? Und wenn es dereinst soweit ist, gilt das für immer und ewig? Begrüssungs-Küsschen unter allen Umständen? In sämtlichen Situationen?

Soll ich tatsächlich die liebe Nachbarin auch küssen, wenn ich sie zwischen Joghurts und Kaffeebohnen beim einkaufen antreffe? Oder wenn wir beide mit einem Kehrichtsack gen Container marschieren? Ist es dann angebracht? Oder kann ich ausnahmsweise davon absehen, ohne dass das Gegenüber eingeschnappt ist oder darüber nachdenkt, welche Laus mir über die Leber gekrochen ist?

Und was, wenn mich jemand wangenbehaucht, und ich das eigentlich unangebracht finde? Nur weil er der Partner der besten Freundin ist, heisst es noch lange nicht, dass ich schon nach dem ersten Treffen meine Wangen zur Verfügung stellen soll. Für mich soll ein Begrüssungs-Kuss immer noch ein Zeichen gewisser Vertrautheit sein. Wird er zu inflationär angewendet, läuft er Gefahr, in die Belanglosigkeit abzudriften. Und das fände ich schade.

Wie handhabt ihr das?

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Ver-zipperleint

Es ist eine Frage des Alters aber zweifellos auch der eigenen Einstellung, ob und gegenüber wem man über seine Gebresten und Krankheiten spricht. Ich bilde mir ein, dass dieser Blog überwiegend von Leuten gelesen wird, die – wie ich auch – schon in ihrer zweiten Lebenshälfte stehen. Und deshalb bilde ich mir auch ein, dass nicht nur ich, sondern auch viele meiner Leserinnen und Leser so ihre Zipperlein haben. Aber darüber sprechen? Und wenn möglich hier? Nein, dieser Blog ist nicht als Klagemauer für Gebresten gedacht.

Sich jemandem anzuvertrauen, kann für das Gegenüber belastend sein. Das Mitteilungsbedürfnis über die eigenen Befindlichkeiten ist nicht bei jedem gleich gross. Dieses Mitteilungsbedürfnis ist meiner Meinung nach auch nicht jedem gegenüber gleich angebracht. Wie reagieren? Mitgefühl zeigen? Hilfe anbieten? Ignorieren? Es ist eine Sache, wenn eine Freundin mir anvertraut, der Leidensdruck sei nun so gross, dass sie sich für die Hüftgelenks-Operation entschieden habe. Oder wenn mir die Nachbarin, der ich mehrmals pro Woche begegne, erzählt, sie habe soeben eine schlimme Erkältung überstanden.

Aber wenn mir jemand, den ich erst vor wenigen Tagen aus geschäftlichen Gründen kennengelernt habe, brühwarm seinen neusten Besuch beim Arzt herunterbetet, habe ich meine liebe Mühe. Auf die Details jener Darmspiegelung hat hier niemand Bock, oder?

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Kalbereien

Zwei Männer zwischen 25 und 30 unterhalten sich. Sie geben sich nicht gerade die Mühe, so zu sprechen, dass die Konversation unter ihnen bleiben würde. Ein ganzes, gut gefülltes Wartezimmer muss mithören.

“Ey Monn, häsch Teilnarkose oder Vollnarkose?” Der Balkanslang ist unverkennbar.

“Vollnarkose. Sie haued mir en Teil vo da ine use”, sagts und zeigt auf seinen Bauch.

“Wow, voll geil, Monn!”

Um zu verstehen, was an einer Operation gegebenenfalls geil sein soll, bin ich wohl zum falschen Zeitpunkt auf diesem Planeten angekommen.

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Gar nicht komisch

Wer seine Mitmenschen je länger je mehr komisch findet,

sollte sich vielleicht mal überlegen…

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… ob nicht er selber langsam etwas komisch geworden ist.

Walbeobachtungen im Wallis

“Das habe ich alles”, liess mein innig geliebter Mitbewohner verlauten, als wir im Thermalbad von Ovronnaz vor der Tafel standen, die Angaben über die Gsüchti machte, die das Wasser angeblich zu heilen vermag. Insgesamt vier Mal begaben wir uns die letzten Tage in die Fluten. Es hat etwas wunderbar Wohltuendes an sich, wenn man unter dem blauen Walliser Himmel im blubbernden, 32 Grad warmen Wasser liegt und das sagenhafte Panorama betrachten kann.

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Besonders schön muss es im Winter und Frühjahr sein, wenn die umliegenden Berge schneebedeckt sind. Mehr als den Kopf dürfte dann aber niemand für längere Zeit aus dem Wasser ragen lassen.

Die Anlage wurde 1990 eröffnet, die beiden Aussenbecken einige Jahre später. Zum gesamten Komplex gehören mehrere Hotels und kleinere Ferienwohnungen. Das Wasser kommt übrigens 24,2 Grad warm aus einer Quelle unterhalb von Ovronnaz. Es muss also nicht nur heraufgepumpt, sondern auch noch erwärmt werden.

Im Sommer kann man sich auf den zahlreichen zur Verfügung gestellten Liegestühlen suhlen. Und dabei vorzüglich die anderen Badegäste studieren. Mitunter fühlten wir uns angesichts gigantischer Fleischberge an Walbeobachtungen erinnert. Badebekleidung von nicht viel mehr als Toblerone-Dreieck grossen Textilien bis zur Version Einmannzelt – alles taucht früher oder später vor dem Auge des aufmerksamen Betrachters auf. Und ich frage mich einmal mehr, weshalb ich mich jemals fragte, ob ich mit Kleidergrösse 38 überhaupt noch einen Bikini tragen kann.

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Interesse an mehr Informationen? Voilà:
http://www.bains-ovronnaz.ch/de

PS: Sooo sauber waren wir schon lange nicht mehr. Allerdings auch nicht so feucht hinter den Ohren.

Hallo, ich bin’s, Ihr Nachbar!

Heute sei internationaler Nachbarschaftstag, sagte die Frau am Radio, und noch bevor sie ihren säuberlich vorbereiteten Satz zu Ende gesprochen hatte, stürmte ich aus der Wohnung. Das war die Gelegenheit! Wenn nicht jetzt, dann nie. Oder zumindest erst in einem Jahr wieder.

Ich läutete bei unseren Nachbarn. Voller überschwänglicher Freude wollte ich mich ihnen vorstellen. “Grüezi, ich bin Frau Flohnmobil und wohne seit kurzem im gleichen Haus wie Sie.” Die Frau bat mich ohne zu zögern herein, wohl etwas erstaunt ab dem Überfall, aber mit einer gewinnenden Art, die mir bewies, dass ich das Richtige tat. Sie offerierte mir einen Kaffee, stellte mich ihrerseits ihrem Mann vor und fragte sogleich nach wo denn mein Mann verbleibe.

Soweit die Theorie. In der Praxis muss ich wohl auch nach 18 Jahren weiterhin darauf warten, dass meine Lieblings-Nachbarn mal meinen Namen über ihre verkniffenen Lippen bringen.

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Fragestunde im Zug

Gestern im Zug. Der Knirps blättert in einer Gratiszeitung. Lesen scheint er noch nicht zu können, doch das ist für das besagte journalistische Werk nicht unbedingt ein Nachteil.

“Wer ist das, Mami?” Die abgebildete Frau hat es dem Dreikäsehoch offenbar angetan.
“Adele.” Die Antwort der Mutter fällt denkbar knapp aus.
”Ist das eine Schauspielerin?”
”Nein, eine Sängerin.”
”Singt die schön?”
Nun kann sich die Mutter erstmals zu einem ganzen Satz aufraffen. “Ja, sie singt sehr schön.”
Der Knirps bohrt weiter. “Schöner als Lady Gaga?”
Spätestens jetzt spitzt die halbe S7 die Ohren.
“Ja, ich finde, sie singt wahnsinnig schön.”
Der Knirps will offenbar nichts auf Lady Gaga kommen lassen. “Aber schöner als Lady Gaga kann sie gar nicht singen.”
Der Mutter steht offenbar nicht der Sinn nach einer Diskussion über verschiedene Musik-Geschmäcker. Sie ergreift die Flucht nach vorne. “Ganz sicher singen beide schöner als ich.”

Komischerweise gibt sich der Junge mit dieser Antwort zufrieden. Nun darf gerätselt werden, wie herzzerreissend schlecht diese Frau wohl singt.

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Entzückend entrückend

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“Kann man helfen mit dem Rücken?” Als ich die Wörter endlich einsortiert hatte, dauerte es nochmals eine Weile, bis ich merkte, dass sie mich betrafen. Wir waren nur noch zu zweit in der Garderobe des Fitness-Clubs. Neben mir hatte sich eine Frau aufgebaut, kurze, graue Haare, geschätzte 65, schlank, die sich anerbot, mir den Rücken einzucremen. Ich muss etwas verdattert aus der Wäsche geschaut haben, die ich noch gar nicht trug. So flüchtete ich mich in die erstbeste Ausrede: “Danke, dafür ist mein Mann zuständig.” Um gleich hinterherzuschicken, dass mir so ein Angebot noch nie gemacht worden sein. Die Eincremerin klärte mich auf. Sie seien jeweils ein paar Frauen, die gemeinsam in die Sauna gingen, und dort habe es sich eingebürgert, dass man sich gemeinsam den Rücken abrubble und auch eincreme.

So also war das. Nichts desto trotz war mir nicht daran gelegen, mir von einer Wildfremden, mochte sie es auch noch so gut meinen, den Rücken einzucremen. Damit war das Thema vorderhand erledigt, beschäftigt mich aber in Gedanken weiterhin. Wie sich bald herausstellen sollte, war ich nicht das einzige “Opfer” der Rückeneincremerin. Auch Kolleginnen, die am gleichen Ort trainieren, wurden schon mal mit ähnlichen Angeboten von ihr beglückt. Bis heute habe ich die Eincremerin noch nie im Kraftraum gesehen. Sie wird doch ihr Abo nicht nur haben, um wildfremden Frauen den Rücken einzuschmieren?

Es sollte nicht lange dauern, da war ich wieder in der Garderobe. Und wieder am Eincremen nach dem Duschen. Die Eincremerin kam – vorbei an weiteren Damen, die sich in der Garderobe aufhielten – schnurstracks auf mich zu und formte den Satz, den sie offenbar bestens auswendig kannte: “Kann man helfen mit dem Rücken?” Diesmal war ich so gut wie fertig mit eincremen und das sagte ich ihr auch. Ein etwas unbehagliches Gefühl überkam mich dabei. Langsam aber sicher drohten mir die Ausreden auszugehen. Und der Frau direkt ins Gesicht zu sagen, sie solle mich mit ihren Angebot in Ruhe lassen, finde ich auch etwas hart.

Wie würdet ihr auf ein solches Angebot reagieren?