Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Schlagwort-Archiv: Mitmenschen

Schon schön betont

Es war erst gut einen Monat her, dass mein Mann verstorben war. Da hatte mich eine Kollegin an einem Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Sie hatte eine Freundin eingeladen und gedacht, ich würde auch ganz gut in die Runde passen.

Wir drei Witwen verbrachten einen unterhaltsamen Sonntag. Ich erwähnte nebenbei mal, ich hätte vor wenigen Tagen Gäste bekocht. Da schaute mich die Frau, die ich erst wenige Stunden kannte, an und entgegnete völlig entgeistert diese zwei Worte, die mich seither nicht mehr loslassen:

“Jetzt scho-o-o-n?”

Ich war perplex. Was erwartete man von mir? Was dachte meine Umwelt im allgemeinen und diese Frau im besonderen von mir, was vier Wochen nach dem Tod meines Mannes angebracht wäre? Wie lange sollte ich mich daheim verkriechen? Trübsal blasen und Trauerkleidung tragen.

Tatsache ist: Ich habe nicht ein einziges Mal schwarze Kleidung getragen. Nicht mal an der Abschiedsfeier. Meine Trauer über den Tod meines Mannes äussert sich nicht darin, dass ich mit verweinten Augen herumlaufe, kein Radio an habe, mir keine Unterhaltung, kein Lachen und keine Kontakte zur Aussenwelt erlaube. Das wäre ganz und gar nicht im Sinne meines Mannes gewesen.

Wenn die besagte Witwe wüsste, was ich in nächster Zeit geplant habe, würde sie wahrscheinlich vor lauter “jetzt schon?” gehörig nach Luft schnappen.

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Dichte Wolkenfelder

Ich weiss, ich bin mit meinem letzten Blog-Beitrag etwas hart ins Gericht gegangen mit meinen Mitmenschen.

Natürlich dürft ihr mich weiterhin virtuell drücken, mir Kraft wünschen, selbst mich zum xten Mal fragen, wie es mir geht, auch wenn die ehrliche Antwort darauf “beschissen” ist und ich mir doch meist etwas Netteres einfallen lasse.

Je mehr ich hier über unser Schicksal schreibe, desto mehr erkenne und erfahre ich, dass ich damit nicht allein im Universum stehe. Es gab schon viele vor mir, die ihren Partner durch Krebs verloren haben und es wird auch noch viele geben, die dieser heimtückischen Krankheit ausgeliefert sind.

Dennoch, es ist so tami hart, mitansehen zu müssen, wie der Partner leidet. Ich schöpfe alle Möglichkeiten aus, die noch bleiben, um ein paar Sonnenstrahlen auf meinen schwerkranken Mann scheinen zu lassen. Aber gegen die düstere Wolkenfront, die am Himmel aufzieht, bin ich letztlich machtlos. Und diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit macht mir am allermeisten zu schaffen.

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Zum Kotzen stark

Von einer Kollegin, deren Mann vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, habe ich folgendes Mail erhalten:

… Wie ich schon im letzten Mail geschrieben habe, ist es mit dem Kraft-Wünschen immer so eine Sache. Ich hätte oft kotzen können, ob all der Kraft, die man mir wünschte. Schon klar, die Mitmenschen wollen etwas Liebes sagen, ich weiss, ich weiss. …

Ich könnte es nicht in treffendere Worte fassen. Auch mir wird Kraft gewünscht. In Mails, im persönlichen Kontakt, per SMS, Blog-Kommentaren. Ich werde in sämtlichen vorgängig erwähnten Varianten gedrückt, sogar ins Gebet einbezogen. Von allen Seiten her wird mir auch immer wieder versichert, man denke an mich/uns.

Emotionslos betrachtet muss ich mich fragen, was mir all die Wünsche bringen. Es geht weder mir noch meinem Mann dadurch besser. Aber die Wünsche sind, und das ist mir sehr wohl bewusst, ehrlich gemeint. Und letztlich auch nur ein Abbild von dem, was wir selber empfinden: Hilflosigkeit, Traurigkeit, Ohnmacht.

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Uferloses Gespräch

Während mein innig geliebter Mitbewohner und ich im Begriff waren, das Ruderboot für die kommende Fischer-Saison flott zu machen, quakte es plötzlich vom Ufer her. “Gönzi scho go fische?”

Der Mitbewohner und ich drehten uns um und sahen eine magere Gestalt mit fragendem Blick am Ufer stehen. Die Körperhaltung der alten Frau liess keinen Zweifel offen, ob es sich hier vielleicht um eine rhetorische Frage gehandelt haben könnte. Eine Antwort unsererseits schien unumgänglich. “Efängs parat mache”, entgegnete der Mitbewohner. Wir waren beide schwer beschäftigt und wollten unser Werk vollenden. Small Talk war momentan wirklich nicht nach unserem Gusto.

Die Frau liess nicht locker. Nach einigen Floskeln verkündete sie schliesslich: “Wüssezi, ich bin mit ere Wandergruppe underwägs. Aber ich laufe immer echli voruus. Die Andere schnurremer z’viel.”

Das mit dem Zuviel und überhaupt wird wohl für alle Ewigkeit Ansichtssache bleiben.

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Menschliche Wunder

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen,

wie Leute,

die sonst immer in den frühen Morgenstunden aus dem Haus flüchten,

damit sie sich möglichst wenig mit dem Ehegatten herumschlagen müssen,

plötzlich sesshaft werden,

wenn sie ihr Auto vom Schnee befreien müssten.

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Links–rechts–links

Nein, hier geht es nicht um einen politischen Wendehals. Auch nicht um jemanden, der links und rechts nicht unterscheiden kann. Hier und jetzt geht es um Rituale. Begrüssungs-Rituale.

Begrüssungs-Küsschen haben sich eingebürgert. Waren es früher deren zwei, sind es mittlerweile drei. Zumindest bei uns in der Schweiz. Genau genommen handelt es sich zwar nur um Wangenbehaucher. Die wahren Küsse hebt man sich für den Liebsten oder die Liebste auf.

Aber wer kommt in den “Genuss” der Wangenbehauchung? Wie gut muss ich jemanden kennen, bis er/sie sich für meinen Begrüssungs-Kuss qualifiziert hat? Und wenn es dereinst soweit ist, gilt das für immer und ewig? Begrüssungs-Küsschen unter allen Umständen? In sämtlichen Situationen?

Soll ich tatsächlich die liebe Nachbarin auch küssen, wenn ich sie zwischen Joghurts und Kaffeebohnen beim einkaufen antreffe? Oder wenn wir beide mit einem Kehrichtsack gen Container marschieren? Ist es dann angebracht? Oder kann ich ausnahmsweise davon absehen, ohne dass das Gegenüber eingeschnappt ist oder darüber nachdenkt, welche Laus mir über die Leber gekrochen ist?

Und was, wenn mich jemand wangenbehaucht, und ich das eigentlich unangebracht finde? Nur weil er der Partner der besten Freundin ist, heisst es noch lange nicht, dass ich schon nach dem ersten Treffen meine Wangen zur Verfügung stellen soll. Für mich soll ein Begrüssungs-Kuss immer noch ein Zeichen gewisser Vertrautheit sein. Wird er zu inflationär angewendet, läuft er Gefahr, in die Belanglosigkeit abzudriften. Und das fände ich schade.

Wie handhabt ihr das?

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Ver-zipperleint

Es ist eine Frage des Alters aber zweifellos auch der eigenen Einstellung, ob und gegenüber wem man über seine Gebresten und Krankheiten spricht. Ich bilde mir ein, dass dieser Blog überwiegend von Leuten gelesen wird, die – wie ich auch – schon in ihrer zweiten Lebenshälfte stehen. Und deshalb bilde ich mir auch ein, dass nicht nur ich, sondern auch viele meiner Leserinnen und Leser so ihre Zipperlein haben. Aber darüber sprechen? Und wenn möglich hier? Nein, dieser Blog ist nicht als Klagemauer für Gebresten gedacht.

Sich jemandem anzuvertrauen, kann für das Gegenüber belastend sein. Das Mitteilungsbedürfnis über die eigenen Befindlichkeiten ist nicht bei jedem gleich gross. Dieses Mitteilungsbedürfnis ist meiner Meinung nach auch nicht jedem gegenüber gleich angebracht. Wie reagieren? Mitgefühl zeigen? Hilfe anbieten? Ignorieren? Es ist eine Sache, wenn eine Freundin mir anvertraut, der Leidensdruck sei nun so gross, dass sie sich für die Hüftgelenks-Operation entschieden habe. Oder wenn mir die Nachbarin, der ich mehrmals pro Woche begegne, erzählt, sie habe soeben eine schlimme Erkältung überstanden.

Aber wenn mir jemand, den ich erst vor wenigen Tagen aus geschäftlichen Gründen kennengelernt habe, brühwarm seinen neusten Besuch beim Arzt herunterbetet, habe ich meine liebe Mühe. Auf die Details jener Darmspiegelung hat hier niemand Bock, oder?

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Kalbereien

Zwei Männer zwischen 25 und 30 unterhalten sich. Sie geben sich nicht gerade die Mühe, so zu sprechen, dass die Konversation unter ihnen bleiben würde. Ein ganzes, gut gefülltes Wartezimmer muss mithören.

“Ey Monn, häsch Teilnarkose oder Vollnarkose?” Der Balkanslang ist unverkennbar.

“Vollnarkose. Sie haued mir en Teil vo da ine use”, sagts und zeigt auf seinen Bauch.

“Wow, voll geil, Monn!”

Um zu verstehen, was an einer Operation gegebenenfalls geil sein soll, bin ich wohl zum falschen Zeitpunkt auf diesem Planeten angekommen.

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Gar nicht komisch

Wer seine Mitmenschen je länger je mehr komisch findet,

sollte sich vielleicht mal überlegen…

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… ob nicht er selber langsam etwas komisch geworden ist.

Walbeobachtungen im Wallis

“Das habe ich alles”, liess mein innig geliebter Mitbewohner verlauten, als wir im Thermalbad von Ovronnaz vor der Tafel standen, die Angaben über die Gsüchti machte, die das Wasser angeblich zu heilen vermag. Insgesamt vier Mal begaben wir uns die letzten Tage in die Fluten. Es hat etwas wunderbar Wohltuendes an sich, wenn man unter dem blauen Walliser Himmel im blubbernden, 32 Grad warmen Wasser liegt und das sagenhafte Panorama betrachten kann.

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Besonders schön muss es im Winter und Frühjahr sein, wenn die umliegenden Berge schneebedeckt sind. Mehr als den Kopf dürfte dann aber niemand für längere Zeit aus dem Wasser ragen lassen.

Die Anlage wurde 1990 eröffnet, die beiden Aussenbecken einige Jahre später. Zum gesamten Komplex gehören mehrere Hotels und kleinere Ferienwohnungen. Das Wasser kommt übrigens 24,2 Grad warm aus einer Quelle unterhalb von Ovronnaz. Es muss also nicht nur heraufgepumpt, sondern auch noch erwärmt werden.

Im Sommer kann man sich auf den zahlreichen zur Verfügung gestellten Liegestühlen suhlen. Und dabei vorzüglich die anderen Badegäste studieren. Mitunter fühlten wir uns angesichts gigantischer Fleischberge an Walbeobachtungen erinnert. Badebekleidung von nicht viel mehr als Toblerone-Dreieck grossen Textilien bis zur Version Einmannzelt – alles taucht früher oder später vor dem Auge des aufmerksamen Betrachters auf. Und ich frage mich einmal mehr, weshalb ich mich jemals fragte, ob ich mit Kleidergrösse 38 überhaupt noch einen Bikini tragen kann.

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Interesse an mehr Informationen? Voilà:
http://www.bains-ovronnaz.ch/de

PS: Sooo sauber waren wir schon lange nicht mehr. Allerdings auch nicht so feucht hinter den Ohren.