Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

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Schon schön betont

Es war erst gut einen Monat her, dass mein Mann verstorben war. Da hatte mich eine Kollegin an einem Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Sie hatte eine Freundin eingeladen und gedacht, ich würde auch ganz gut in die Runde passen.

Wir drei Witwen verbrachten einen unterhaltsamen Sonntag. Ich erwähnte nebenbei mal, ich hätte vor wenigen Tagen Gäste bekocht. Da schaute mich die Frau, die ich erst wenige Stunden kannte, an und entgegnete völlig entgeistert diese zwei Worte, die mich seither nicht mehr loslassen:

“Jetzt scho-o-o-n?”

Ich war perplex. Was erwartete man von mir? Was dachte meine Umwelt im allgemeinen und diese Frau im besonderen von mir, was vier Wochen nach dem Tod meines Mannes angebracht wäre? Wie lange sollte ich mich daheim verkriechen? Trübsal blasen und Trauerkleidung tragen.

Tatsache ist: Ich habe nicht ein einziges Mal schwarze Kleidung getragen. Nicht mal an der Abschiedsfeier. Meine Trauer über den Tod meines Mannes äussert sich nicht darin, dass ich mit verweinten Augen herumlaufe, kein Radio an habe, mir keine Unterhaltung, kein Lachen und keine Kontakte zur Aussenwelt erlaube. Das wäre ganz und gar nicht im Sinne meines Mannes gewesen.

Wenn die besagte Witwe wüsste, was ich in nächster Zeit geplant habe, würde sie wahrscheinlich vor lauter “jetzt schon?” gehörig nach Luft schnappen.

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Karte los

Es wartet so manche administrative Überraschung auf einen, wenn der Partner gestorben ist. Dass ich nach 14 Tagen schon Post vom Steueramt mit einer neuen Steuerrechnung für mich erhielt, ab dem Tag, wo ich offiziell als verwitwet galt, gehört beispielsweise dazu. Etwas weniger, dass von selbiger Behörde eine neu auszufüllende Steuererklärung per Todestag ins Haus flatterte.

Da mein Mann nicht überraschend verstorben ist, hatten wir Zeit, gewisse Sachen zu regeln. Das Auto umschreiben gehört in diese Kategorie. Und die Abklärung bei der Bank, ob denn der Zugriff aufs gemeinsame Konto für den Überlebenden wirklich uneingeschränkt möglich ist.

Als ich die letzte Kreditkarten-Abrechnung erhielt, rief ich bei der Unternehmung an, um zu melden, dass mein Mann verstorben sei und dass man nun doch bitte das Konto auf mich umschreiben solle. Dies erwies sich als nicht machbar. Da die Hauptkarte auf meinen Mann lautete und ich nur die Partnerkarte besass, sperrte man gleich beide Karten. Gleichzeitig wurde das Lastschriftverfahren storniert und man stellte mir in Aussicht, dass ich für die in der Zwischenzeit ausgegebenen Beträge eine Rechnung erhalten würde.

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Da hockte ich nun auf zwei ungültigen Kreditkarten, die, hätte ich keinen Ton von mir gegeben, bis heute ihre – zugegeben im Sinne des Erbenschutzes zweifelhafte – Gültigkeit behalten hätten. Selbst das Lastschriftverfahren wäre sang- und klanglos weiter gelaufen.

Die kundenfreundlichste Lösung, die man mir in diesem Moment anbieten konnte, war, mir umgehend ein Anmeldeformular für eine neue Kreditkarte zu schicken. 😕

Verloren

Sie hätte “auch” ihren Mann verloren, erzählte mir eine flüchtige Bekannte.

 

W i e   b i t t e ? ! ?            

 

! ! !  V e r l o r e n ! ! !

 

Was ist das denn für eine idiotische Redensart? Ich habe meinen Mann nicht verloren. Ich habe ihn nicht verloren wie einen Schlüsselbund, der mit viel Glück wieder auftaucht oder im Fundbüro abgegeben wird.

Mein Mann ist gestorben. Das ist die traurige Wahrheit. Und die wird durch beschönigende Worte und verharmlosende Umschreibungen nicht mal ansatzweise weniger brutal.

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Einen letzten Dienst erwiesen

Als mein Mann und ich unseren gemeinsamen Haushalt gründeten, kam er mit diesem 2,1 Meter langen Ungetüm daher. Nie sah ich das Ding irgendwo anders als im Keller stehen. Zuerst am alten Ort, dann in der jetzigen Wohnung. Benutzt wurde es nie, doch es schien so etwas wie Heiligen-Status zu haben.

Mein Mann hatte mit diesen Skis  Jahre bevor wir uns kennenlernten einmal eine Abfahrt gewonnen. Lange behauptete er, dieser Ski wäre auch in der Neuzeit noch schnell, er würde noch heute jeden der damaligen Weggefährten und Mitstreiter abtrocknen. Immer wieder sprach er davon, er würde mit diesem Ski nochmals einen Tag lang Skifahren gehen.

Dass es nicht mehr dazu kam, hat nicht nur damit zu tun, dass mein Mann vor einem Monat verstorben ist. Das Brett war schon lange nicht mehr zeitgemäss und wer jemals auf einem Carving-Ski gestanden ist, wird es sich nicht antun, solche “Pommes-Frites” zu fahren.

Als ich meinen Mann wenige Tage vor seinem Tod fragte, was ich denn mit dem alten Attenhofer machen solle, erwiderte er ohne lange nachzudenken: “Dä chasch vo mir us irgendnoime an e Wand nagle.” Auf Deutsch: Den kannst du meinetwegen irgendwo an eine Wand nageln.

Um dies zu tun, fehlt mir die seelische Verbundenheit zu dem alten Sportgerät. So schön ist es nun auch wieder nicht, auch nicht, nachdem ich es vom Staub der letzten zwei Jahrzehnte befreit habe.

Aber es hat während der Trauerfeier in der Kirche hervorragende Dienste als Fotoständer verrichtet.

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Ich habe die Abfahrtslatten nach der Trauerfeier nochmals zurück in den Keller gestellt. Doch heute habe ich die Reissleine gezogen, eine Abfallmarke mobilisiert und den Ski mit einem letzten Gruss der Müllabfuhr mitgegeben.

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Wer …?

… freut sich mit mir an den Sommervögeln, den Schwalben am Himmel, dem zarten Grün der Lärchen im Frühling und den ersten Schneeflocken im Winter?

… hat für mich immer einen Schnudi dabei?

… sorgt dafür, dass unser Auto stets in schönstem Glanze erstrahlt?

… opfert sich für meine gewagten kulinarischen Kreationen?

… sitz mir gegenüber am Tisch?

… wachst meine Skis nach jedem Tag im Schnee?

… cremt mir den Rücken ein?

… begleitet mich auf allen bekannten und unbekannten Pfaden?

… fiebert mit, wenn am Fernsehen Velo- und Skirennen übertragen werden?

… flickt meinen Platten am Velo?

… bring mich zum lachen?

… hat immer eine Antwort auf meine Fragen parat?

… kratzt mich am Morgen mit seinen Bartstoppeln?

… nennt mich Bööni-Frau?

 

W e r !

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Mein über alles geliebter Mann ist am 4. Juli von seinen unsagbaren Leiden erlöst worden.