Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Schlagwort-Archiv: Ehepartner

Kein wir mehr

Ich gehe auf den Wegen, die wir so oft begangen haben.

Ich versuche, den Sträuchern, die wir gepflanzt haben, ein würdiges Aussehen zu verleihen.

Ich blicke auf den See, auf dem du so viele glückliche Stunden verbracht hast.

Ich fahre das Auto, das wir gemeinsam ausgesucht hatten.

Ich futtere die Schokolade, die du so gern mochtest.

Ich lache mit Menschen, die wir unsere Freunde nannten.

Ich sitze auf dem Sessel, der immer dir vorbehalten war.

Ich liege in dem Bett, in dem wir so viel und so guten Sex hatten.

Ich esse mit dem Besteck, das du so oft benutzt hast.

Ich überlege mir, was du jeweils sagen würdest.

Ich blättere durchs Fotoalbum und werde an all die unbeschwerten Momente mit dir erinnert. 

Das Schlimmste an meiner neuen Situation ist,
dass mir mit DIR auch das WIR genommen wurde.

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Kiss the fish

Im letzten Oktober bot sich meinem Mann die rare Gelegenheit, bei uns am See ein Ruderboot zu kaufen. Rar insbesondere deshalb, weil die Bootsplätze Mangelware sind. Er hatte das Privileg, nicht nur ein wunderschönes Holzruderboot zu erwerben, sondern auch den dazugehörigen Liegeplatz im Bootshaus. Die bestmögliche Variante.

Wie hatte er sich darüber gefreut! Fischen war ihm in den vergangenen Jahren ein geliebtes Hobby geworden, das er beinahe zur Perfektion ausgebaut hatte. Das eigene Boot war das Tüpfchen auf dem I. Ich malte mir aus, wie ich im darauffolgenden Sommer mit ihm zusammen auf den See raus rudern würde. Ich würde öfters mitgehen als bis anhin, weil das Boot grösser war als jenes, das er gemietet hatte.

Es kam anders. Nach der Krebs-Diagnose im März hatte mein Mann gerade noch genügend Kraft, um das Boot nach der Überwinterung wieder einsatzbereit zu machen. Es war höchst ungewiss, ob er jemals wieder angeln gehen könnte. Vielleicht noch in Begleitung. Ich hatte mir damals geschworen, ich würde jeden Fisch einzeln küssen, sollte mein Mann nochmals in der Lage sein, auf den See raus zu rudern, zu angeln und einen Fang heim zu bringen.

Es war ihm nicht vergönnt. Als er schon deutlich angeschlagen war, fädelte er den Verkauf seines Boots an einen Kollegen ein. Was muss damals in meinem Mann vorgegangen sein. Ein weiterer Funke Hoffnung war erloschen.

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Dieses Bild zeigt meinen Mann auf einer seiner wenigen Ausfahrten mit dem eigenen Boot im letzten Herbst. Es entstand heute vor einem Jahr. Für mich strahlt es eine derartige Symbolkraft aus, dass ich das Bild verwendet habe für die Danksagung.

Die ominösen drei Monate

Nach drei Monaten, da gehe es erst so richtig los, beschied man mir von verschiedener, wohlwissender Seite. Nach drei Monaten, da sei die Schonzeit abgelaufen. In den ersten drei Monaten würden sich alle rührend um einen kümmern. Sie würden anrufen, sich erkundigen, wie es einem geht, würden einem zum Kaffee, für ein Essen oder einen Spaziergang einladen. Doch danach herrsche für Freunde und Bekannte wieder der Normalfall. Und ein Grossteil der administrativen Arbeiten im Zusammenfall mit dem Todesfall sei erledigt. Und dann, erst dann, beginne für einen selber das grosse Loch.

Das wäre nach dieser Zeitrechnung jetzt. Es sind gut drei Monate vergangen, seit mein über alles geliebter Mann gestorben ist. Tatsächlich, bisher habe ich mich stets gut beschäftigen und ablenken können. Ich war zwar alleine, aber nicht allzu oft. Indes habe ich nie mit den Händen im Schoss gewartet, bis mich jemand auf einen Kaffee eingeladen hat, ich bin häufig selber vorgeprescht. Habe gar “schon” wenige Tage nach der Beerdigung erstmals Besuch eingeladen, wie man mir mitunter missbilligend attestiert hat.

Ich habe vor wenigen Tagen das Wohnzimmer frisch streichen lassen. Damit habe ich lediglich zu Ende geführt, was mein Mann und ich für diesen Herbst angedacht hatten. Ich leiste mir kleine Freuden. Sei es ein Besuch im Theater, ein gutes Stück Fleisch, ganz gediegen und alleine einen Aperitif, wenn mir der Sinn danach steht, oder ein neues Paar Schuhe.

Meine Telefonrechnung hätte galaktische Ausmasse angenommen, hätte ich nicht vor Monaten schon eine Flat Rate eingebaut. Ich habe mich nicht daheim verkrochen, sondern bin unter die Leute gegangen. Bin auf Freunde und Bekannte zu gegangen. Ich glaube, das hat ihnen einen unverkrampfteren Umgang mit mir und meiner neuen Situation ermöglicht, als wenn ich ständig mit verweintem Gesicht durch die Gegend gelaufen wäre.

All das heisst nicht, dass ich nicht trauern würde. Um den geliebten Menschen, um das Leben, das nie mehr sein wird, wie es war. Wieso habe ich eigentlich ständig das Gefühl, mich für mein Tun rechtfertigen zu müssen?

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Unser gemeinsame Weg

Zwei Tage lang lag der dicke Kartonumschlag in meiner Wohnung, bevor ich mich getraute, ihn zu öffnen. Ich wusste, es würde ein harter Brocken werden. Aber irgendwann musste ich ja.

Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte das Fotoalbum, das nun vor mir lag, noch mit meinem Mann zusammen anschauen. Ich habe so viele Bilder von unseren gemeinsamen Reisen, Wanderungen, Ausflügen auf dem PC, die ich bestenfalls einmal anschaue, wenn ich ein geeignetes Bild für einen Blog-Beitrag suche. Als mein Mann krank wurde, begann ich damit, ein Album mit Bildern von ihm zu erstellen. Kein Querschnitt durch unsere gemeinsamen 24 Jahre, aber immerhin von den letzten 12 Jahren, seit ich auf Digitalfotografie umgestiegen bin. Ich hatte immer gehofft, dass wir uns das Album noch gemeinsam ansehen könnten. Aber die Zeit lief mir davon. Es war mir plötzlich wichtiger, die letzten Wochen an der Seite meines Mannes als vor dem Monitor zu verbringen.

Als mir der Moment endlich geeignet schien, richtete ich mich im Wohnzimmer gemütlich ein, entfernte die Kartonverpackung und anschliessend das Cellophan-Papier um mein Werk. Lange betrachtete ich den Deckel, den dieses Bild schmückt:

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Die ersten Emotionen überkamen mich schon, als ich den Titel las: „Die schönsten Momente unseres gemeinsamen Weges“. Langsam blätterte ich Seite für Seite um. Obschon ich die Bilder kannte, jedes einzelne selber geschossen hatte, entdeckte ich viel Neues auf den über einhundert Seiten. Es wurde ein tränenreicher Abend. Ich überlegte mir, was mein schwerkranker Mann dabei empfunden hätte, wenn er all diese Bilder von sich gesehen hätte, als er noch stundenlange Wanderungen unternehmen konnte, bei Wind und Wetter auf der Skipiste stand, auf den See zum Angeln ruderte. Vielleicht ist es besser, dachte ich beim Betrachten der Bilder plötzlich, dass ihm dies erspart blieb. Es hätte ihn nur noch mehr auf seinen hilf- und aussichtslosen Zustand aufmerksam gemacht.

Aber mir wird das Album helfen, das Bild meines Mannes wieder ins richtige Licht zu rücken. Weg vom schwer angeschlagenen, unheilbar Kranken hin zu dem was ich an ihm immer sah: Den unternehmungslustigen, witz- und geistreichen, liebevollen Ehemann, der auf alles eine Antwort wusste und mir so sehr das Gefühl von Sicherheit vermittelt hat. Momentan bin ich zwar noch weit davon entfernt, aber ich hoffe zumindest, dass mir das in absehbarer Zeit gelingen wird.

Schon schön betont

Es war erst gut einen Monat her, dass mein Mann verstorben war. Da hatte mich eine Kollegin an einem Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Sie hatte eine Freundin eingeladen und gedacht, ich würde auch ganz gut in die Runde passen.

Wir drei Witwen verbrachten einen unterhaltsamen Sonntag. Ich erwähnte nebenbei mal, ich hätte vor wenigen Tagen Gäste bekocht. Da schaute mich die Frau, die ich erst wenige Stunden kannte, an und entgegnete völlig entgeistert diese zwei Worte, die mich seither nicht mehr loslassen:

“Jetzt scho-o-o-n?”

Ich war perplex. Was erwartete man von mir? Was dachte meine Umwelt im allgemeinen und diese Frau im besonderen von mir, was vier Wochen nach dem Tod meines Mannes angebracht wäre? Wie lange sollte ich mich daheim verkriechen? Trübsal blasen und Trauerkleidung tragen.

Tatsache ist: Ich habe nicht ein einziges Mal schwarze Kleidung getragen. Nicht mal an der Abschiedsfeier. Meine Trauer über den Tod meines Mannes äussert sich nicht darin, dass ich mit verweinten Augen herumlaufe, kein Radio an habe, mir keine Unterhaltung, kein Lachen und keine Kontakte zur Aussenwelt erlaube. Das wäre ganz und gar nicht im Sinne meines Mannes gewesen.

Wenn die besagte Witwe wüsste, was ich in nächster Zeit geplant habe, würde sie wahrscheinlich vor lauter “jetzt schon?” gehörig nach Luft schnappen.

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Karte los

Es wartet so manche administrative Überraschung auf einen, wenn der Partner gestorben ist. Dass ich nach 14 Tagen schon Post vom Steueramt mit einer neuen Steuerrechnung für mich erhielt, ab dem Tag, wo ich offiziell als verwitwet galt, gehört beispielsweise dazu. Etwas weniger, dass von selbiger Behörde eine neu auszufüllende Steuererklärung per Todestag ins Haus flatterte.

Da mein Mann nicht überraschend verstorben ist, hatten wir Zeit, gewisse Sachen zu regeln. Das Auto umschreiben gehört in diese Kategorie. Und die Abklärung bei der Bank, ob denn der Zugriff aufs gemeinsame Konto für den Überlebenden wirklich uneingeschränkt möglich ist.

Als ich die letzte Kreditkarten-Abrechnung erhielt, rief ich bei der Unternehmung an, um zu melden, dass mein Mann verstorben sei und dass man nun doch bitte das Konto auf mich umschreiben solle. Dies erwies sich als nicht machbar. Da die Hauptkarte auf meinen Mann lautete und ich nur die Partnerkarte besass, sperrte man gleich beide Karten. Gleichzeitig wurde das Lastschriftverfahren storniert und man stellte mir in Aussicht, dass ich für die in der Zwischenzeit ausgegebenen Beträge eine Rechnung erhalten würde.

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Da hockte ich nun auf zwei ungültigen Kreditkarten, die, hätte ich keinen Ton von mir gegeben, bis heute ihre – zugegeben im Sinne des Erbenschutzes zweifelhafte – Gültigkeit behalten hätten. Selbst das Lastschriftverfahren wäre sang- und klanglos weiter gelaufen.

Die kundenfreundlichste Lösung, die man mir in diesem Moment anbieten konnte, war, mir umgehend ein Anmeldeformular für eine neue Kreditkarte zu schicken. 😕

Verloren

Sie hätte “auch” ihren Mann verloren, erzählte mir eine flüchtige Bekannte.

 

W i e   b i t t e ? ! ?            

 

! ! !  V e r l o r e n ! ! !

 

Was ist das denn für eine idiotische Redensart? Ich habe meinen Mann nicht verloren. Ich habe ihn nicht verloren wie einen Schlüsselbund, der mit viel Glück wieder auftaucht oder im Fundbüro abgegeben wird.

Mein Mann ist gestorben. Das ist die traurige Wahrheit. Und die wird durch beschönigende Worte und verharmlosende Umschreibungen nicht mal ansatzweise weniger brutal.

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Einen letzten Dienst erwiesen

Als mein Mann und ich unseren gemeinsamen Haushalt gründeten, kam er mit diesem 2,1 Meter langen Ungetüm daher. Nie sah ich das Ding irgendwo anders als im Keller stehen. Zuerst am alten Ort, dann in der jetzigen Wohnung. Benutzt wurde es nie, doch es schien so etwas wie Heiligen-Status zu haben.

Mein Mann hatte mit diesen Skis  Jahre bevor wir uns kennenlernten einmal eine Abfahrt gewonnen. Lange behauptete er, dieser Ski wäre auch in der Neuzeit noch schnell, er würde noch heute jeden der damaligen Weggefährten und Mitstreiter abtrocknen. Immer wieder sprach er davon, er würde mit diesem Ski nochmals einen Tag lang Skifahren gehen.

Dass es nicht mehr dazu kam, hat nicht nur damit zu tun, dass mein Mann vor einem Monat verstorben ist. Das Brett war schon lange nicht mehr zeitgemäss und wer jemals auf einem Carving-Ski gestanden ist, wird es sich nicht antun, solche “Pommes-Frites” zu fahren.

Als ich meinen Mann wenige Tage vor seinem Tod fragte, was ich denn mit dem alten Attenhofer machen solle, erwiderte er ohne lange nachzudenken: “Dä chasch vo mir us irgendnoime an e Wand nagle.” Auf Deutsch: Den kannst du meinetwegen irgendwo an eine Wand nageln.

Um dies zu tun, fehlt mir die seelische Verbundenheit zu dem alten Sportgerät. So schön ist es nun auch wieder nicht, auch nicht, nachdem ich es vom Staub der letzten zwei Jahrzehnte befreit habe.

Aber es hat während der Trauerfeier in der Kirche hervorragende Dienste als Fotoständer verrichtet.

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Ich habe die Abfahrtslatten nach der Trauerfeier nochmals zurück in den Keller gestellt. Doch heute habe ich die Reissleine gezogen, eine Abfallmarke mobilisiert und den Ski mit einem letzten Gruss der Müllabfuhr mitgegeben.

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Wer …?

… freut sich mit mir an den Sommervögeln, den Schwalben am Himmel, dem zarten Grün der Lärchen im Frühling und den ersten Schneeflocken im Winter?

… hat für mich immer einen Schnudi dabei?

… sorgt dafür, dass unser Auto stets in schönstem Glanze erstrahlt?

… opfert sich für meine gewagten kulinarischen Kreationen?

… sitz mir gegenüber am Tisch?

… wachst meine Skis nach jedem Tag im Schnee?

… cremt mir den Rücken ein?

… begleitet mich auf allen bekannten und unbekannten Pfaden?

… fiebert mit, wenn am Fernsehen Velo- und Skirennen übertragen werden?

… flickt meinen Platten am Velo?

… bring mich zum lachen?

… hat immer eine Antwort auf meine Fragen parat?

… kratzt mich am Morgen mit seinen Bartstoppeln?

… nennt mich Bööni-Frau?

 

W e r !

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Mein über alles geliebter Mann ist am 4. Juli von seinen unsagbaren Leiden erlöst worden.