Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Kategorie-Archiv: Steinbock beobachtet

Oh Mensch!

Sein Blick schweifte ins Tal, er kniff die Augen zusammen und wehrte eine Schneeflocke ab, die sich gerade auf seinen Wimpern breit machen wollte. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Ihm fehlten die Worte. Das mochte daran liegen, dass er sich hier lange, viel zu lange, nicht mehr zu Wort gemeldet hatte und ihm die Routine etwas abhanden gekommen war. Aber es lag auch daran, dass er dem, was er sah, wenig abgewinnen konnte.

Zweieinhalb Monate lang hatten die dort unten sich auf das grosse Fest vorbereitet. Hatten geplant, organisiert, delegiert. Während Tagen hatten sie Futter und Geschenke angeschleppt. Sie hatten sich den Kopf zerbrochen, was und wie viel für wen, wen überhaupt und überhaupt. Sie hatten ihr Heim mit derart vielen Lichtern verunstaltet, dass es ihn selbst auf dem Berg noch blendete. Halb ohnmächtig vor lauter Festtags-Strategien hatten sie sich schliesslich der Besinnlichkeit hingegeben. Hatten sich ein paar Stunden lang vollgefressen und angeheuchelt.

Und knapp drei Tage später war alles vorbei! Weihnacht war Geschichte. In den Läden gab es Kerzen, Girlanden und Glühwein zum halben Preis. Der Frühling konnte kommen.

Manchmal, so dachte sich der Steinbock, waren doch die da unten eher hirn- als hornlos. Er beobachtete eine weitere Schneeflocke, die auf seinem dicken Winterpelz schmolz und hielt der Zivilisation das hin, was sie seiner Meinung nach verdiente.

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Alptraum in den Alpen

Seine Vorfahren hatten dem jungen Steinbock überliefert, dass früher die Hornlosen immer erst ihre Wintersport Aktivitäten aufnehmen konnten, wenn Frau Holle ihnen den dazu nötigen Schnee vor die Füsse geschüttelt hatte.

Diese Zeiten schienen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Die einen Hornlosen konnten es kaum erwarten, bis es endlich schneite, koste es, was es wolle. Sie installierten Beschneiungs-Anlagen auf Teufel komm raus und setzten die Anlagen in Betrieb, sobald es die Temperaturen zuliessen. Selbst Gletscher bestäubten sie mittlerweile mit Kunstschnee. Dass die Hornlosen sich in seinem Revier rücksichtslos breit machten, damit hatte er sich zwangsläufig abgefunden, aber für diese fauchenden, spuckenden Stangen hatte der Steinbock kein Verständnis.

Aus sicherer Entfernung beobachtete er das Treiben auf dem, was die Hornlosen „Skipiste“ nannten. Dort schlidderten sie über den beinharten Kunstschnee. Das sollte wohl auch noch Spass machen? Aber es gab auch solche, die bewegten sich gegen den Strom, mussten stets Obacht geben, dass sie auf ihrem Weg nach oben nicht umgehobelt wurden. Für was hatten denn die Hornlosen mit viel Kohle die ganze Landschaft verschandelt und Seilbahnen errichtet? Das war definitiv zu viel für den Steinbock. Er wandte sich wieder ein paar trockenen Grasbüscheln zu. Wenigstens die würden ihm die Hornlosen nicht auch noch streitig machen.

Als ich noch auf Skitouren ging, war es nicht nur verpönt, einer Piste entlang hochzusteigen. Es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, auf Kunstschnee eine Skitour zu unternehmen. Vorher hätte ich mich zu einer Wanderung herabgelassen. Eine Skitour auf Kunstschnee – was für ein Alptraum!

Ohne Hörner und sooo ungeschickt

Der Steinbock wusste genau, was ihm blühte, wenn die Wetterprognosen fürs Wochenende gut waren. Zu hunderten würden die Hornlosen anreisen. Sein Revier beanspruchen, als ob es das Ihrige wäre. Einer Völkerwanderung gleich würden sie sich ausbreiten, wie ein Krebsgeschwür. Sie würden lärmig sein, rücksichtslos ihren Abfall liegenlassen. Dabei waren sie doch so was von ungeschickt, wenn es darum ging, sich in den Bergen zu bewegen. Nur grad dort, wo sie selber Wege angelegt und markiert hatten, bewegten sich die Hornlosen einigermassen sicher vorwärts. Und dann diese komischen, langen Dinger, mit denen sie durch die Gegend fuchtelten. So unpraktisch, sollten sie sich doch gleich auf allen Vieren fortbewegen!

Doch da erspähte sein Auge plötzlich eine löbliche Ausnahme. Eine Wanderin, die sich nicht ganz so talentfrei in den Bergen bewegte wie die Meisten ihrer Zeitgenossen. Der Steinbock beobachtete die Frau eine ganze Weile. Ganz gewiss hatte sie schon anspruchsvollere Sachen gemacht, als sich nur auf Bergwanderwegen zu bewegen. Sie war von fröhlicher Natur, freute sich an den Blümchen in den Felsritzen und vor allem auch an seinem Anblick. Eitel wie er war, gefiel das natürlich dem Steinbock. Vor allem gefiel ihm, dass das Geschöpf ohne Tarnkleidung und Flinte unterwegs war. Ach gäbe es doch nur mehr von dieser Sorte – besonders jetzt, in der Jagdzeit!

Junge Böcke

Eigentlich findet der Steinbock, dass es wieder mal an der Zeit sei, sich hier zu Wort zu melden. Doch irgendwie ist er in eine Sommer-Lethargie verfallen. Momentan geniesst er lieber die herrlich warmen Sommertage, lässt sich die Sonne auf den Pelz brennen, pflückt sich nur die feinsten Kräuter heraus und überlegt sich, welche der Steingeissen er begatten soll. Am besten gleich alle.

Da hat es sein Cousin Gian schon etwas weiter gebracht; er ist vor kurzem Papi geworden. Da der junge Vater ziemlich gestresst ist, vernachlässigt er seine Verwandtschaft sträflich und diese muss vorderhand mit dem TV-Spot Vorlieb nehmen, will sie ihren berühmten Bock sehen.

Nachdem der Steinbock dieses Video angeschaut hat, überlegt er sich das mit dem Kindermachen noch einmal. Gründlich.

Das Beste der bisher erschienenen Steinbock-Videos von Graubünden Tourismus, findet Frau Flohnmobil.

Die Hornlosen und ihre seltsamen Ambitionen

Die Sache wurde immer ungeheurer. Konnte er dem Frieden wirklich trauen? Vorsichtig spähte er um den Felsvorsprung, der ihm schon zu früherer Zeit jeweils gut Deckung geboten hatte.

Tatsächlich – sie waren nicht mehr da! Schon gestern nicht, und vorgestern. Und wenn er richtig bedachte, hatte er schon eine ganze Weile keine Hornlosen mehr gesehen.

Der Steinbock schüttelte verwirrt den Kopf. Da kam er nicht mehr mit. Im November hatten die da unten auf Teufel komm raus Schnee produziert, im Dezember war selbiger wieder weggeschmolzen. Dann kam der grosse Schnee vom Himmel. Und noch mehr Schnee. Und noch viel mehr Schnee. Und jetzt, wo in seiner Heimat immer noch meterweise von der weissen Pracht lag, wollte keiner der Hornlosen mehr etwas vom Winter wissen.

Manchmal fragte er sich schon, ob die Hornlosen nicht vielleicht auch etwas hirnlos waren.

Das nackte Überleben

Der Steinbock schaute den Schneeflocken gehässigt hinterher. Nicht schon wieder! Nein, er hatte dieses weisse Zeugs satt. Dabei hatte es doch endlich wieder einige schneefreie Plätzchen gegeben, wo er – zwar noch immer mit viel Anstrengung verbunden, aber immerhin – ein paar dürre Halme zum Kauen gefunden hatte. Endlich war es auch nicht mehr so tierisch kalt gewesen. Endlich hatte er sich auf das Ende des harten Winters freuen können. Und nun schneite es erneut! Wenn er daran dachte, dass es erst Anfang März war, wurde ihm ganz flau im Magen. Er war alt genug, um zu wissen, dass es noch viele Male schneien konnte, bis in den Bergen der Frühling Einzug hielt.

Die Hornlosen unten im Tal stöhnten natürlich auch bereits wieder. Kaum fing der Frühling eine erste Schwäche ein, monierten sie alle. Immerhin ging ihnen so der Gesprächsstoff nicht aus. Gleichzeitig zückten einige von ihnen Statistiken und verkündeten, dass es gemäss ihren Aufzeichnungen seit Jahren nie mehr so viel Schnee gegeben hatte. Für die Hornlosen waren das nur nackte Zahlen. Für den Steinbock aber ging es ums nackte Überleben.

Der Wetterbock

Ihm war kalt, der Wind, der direkt aus Moskau zu kommen schien, pfiff ihm zwischen den Hörnern hindurch, ging durch Mark und Bein. Der Steinbock konnte sich nicht erinnern, dass es jemals so saukalt gewesen war. Und er wunderte sich. Wunderte sich, ob diese Eiseskälte noch länger andauern würde.

Wen sollte er fragen? Diesen Hornlosen – wie hiess er doch gleich wieder– Thomas Bucheli? Den Kachelfrosch? Oder diesen komischen Vogel, der ihm den Schnee wegfrass? Was wussten die schon, wie es in eisigen Höhen zuging!

Ihm war zu Ohren gekommen, dass seine zwei vorlauten Cousins, die sich auf die Fahne geschrieben hatten, die Unterländer zu veräppeln, neuerdings unter die Wetterfrösche gegangen waren. Gian und Giachen war wirklich gar nichts mehr heilig.

In der Brust des Steinbocks schlugen zwei Herzen. Einerseits war es gut, dass seine Spezies endlich die ihr zustehende Beachtung erhielt. Andererseits… wurden sie denn überhaupt noch ernst genommen? Erachteten die Hornlosen sie nicht nur noch als Streicheltiere und Juxfiguren? Der Steinbock überwand seine Abscheu vor der Technik, die einen so grossen Teil seiner Heimat vereinnahmte. Er klickte auf den Knopf und beobachtete mit immer grösser werdenden Augen, was die beiden Wetterböcke zu berichten hatten.

Herbstlich einsam

Das war ein Spätherbst! So etwas hatte der Steinbock noch nie erlebt. Herrlich angenehme Temperaturen, der Blick auf die Hornlosen häufig durch eine dicke Nebelschicht verwehrt, die lästigen Gondeln und Sessellifte ausser Betrieb. Und im Gegensatz zu anderen Jahren verbreiteten nicht mal die Schneekanonen ihre fauchenden, grunzenden Geräusche. Es war einfach zu warm zum schneien.

Der Steinbock frohlockte. Von ihm aus konnte es noch lange so weitergehen. Ihm gefiel die Ruhe, die so viel besser in die abgeschiedene Bergwelt passte als der Rummel, den die Hornlosen verbreiteten, sobald sie erschienen.

Etwas weniger gut erging es seinem Cousin östlich des Rheins. Was hatte der Idiot auch dorthin auswandern müssen, das hatte er nun davon! Die Österreicher, diese skiverrückte Nation, hatten es schon vor Wochen schneien lassen. Und nun – so hatte sein Cousin berichtet – reihten sich die künstlich erzeugten Schneeflecken wie eine Perlenkette auf den Hängen auf und wurden jeden Tag kleiner. Der Steinbock wusste zwar nicht, was das Wort „Energieverschwendung“ zu bedeuten hatte, irgendwie schwante ihm aber, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Ein anderer Cousin, ebenfalls ein Abtrünniger, hatte sogar berichtet, dass die Österreicher mittlerweile selbst Gletscher beschneiten. Und dies auf einer Höhe, wo es selbst ihm schwindlig wurde. Auf über 3’000 Metern liessen sie es bei stahlblauem Himmel schneien.

Er schüttelte unwirsch seine prächtigen Hörner. Was würde den Hornlosen wohl als Nächstes einfallen?

Die Begegnung

Der Steinbock fühlte sich wohl. Man hätte auch sagen können „pudelwohl“, aber das geziemte sich für seinesgleichen nicht. Es war Spätsommer, die Sonne wärmte seinen Pelz, überall hatte es genügend zu fressen und er würde bald für Nachwuchs sorgen können.

Dort wo er lebte, gefiel es auch Anderen. Fuchs und Has fühlten sich genauso wohl wie Gämsen, Bartgeier oder Hirsche und neuerdings sogar ein gefährliches Raubtier. So manches Getier hatte hier sein Refugium gefunden. Alle wussten, dass die Zweibeiner ihnen hier nichts anhaben konnten. Nicht mit der Flinte, nicht mit Baggern, Herbiziden oder Wasserkraftwerken.

Doch der Steinbock wusste, dass genau das auch den Hornlosen gefiel. Man hatte sie nicht ganz verbannen können. Eine Strasse, die sie für ihre Fortbewegung brauchten, drängte sich mitten durch sein Revier. Damit nicht genug, es hatte auch noch viele Pfade, auf denen die Hornlosen zu Fuss unterwegs waren.

Für einmal jedoch freute sich der Steinbock ab dem Anblick zweier Hornloser, wusste er doch, dass die eine der beiden ihm wohlgesinnt war. Ja er übernahm sogar regelmässig die Hauptrolle bei ihrer Schreiberei, was ihn mit Stolz erfüllte.

Der Anblick des Flohnmobils war auch für den Steinbock sowas wie ein kleines Highlight.

Benebelt, verknallt, erleichtert

Hatschi! Er hustete zünftig, blinzelte mehrmals mit den Augen. Noch immer lag ein seltsamer Geschmack in der Luft, beim Atmen kratzte es dem Steinbock im Hals. Na das war ja wieder mal ein Abend gewesen!

Die Flachländer hatten zünftig zugeschlagen. Ohne Rücksicht auf Verluste hatten sie sinnlos mit ihren Raketen, Frauenfürzen, Höhenfeuern und Schwärmern die Nacht benebelt. Eine wahre Dunstglocke hatte zeitweise die Gegend eingehüllt. An Feinstaubwerte dachte am 1. August keine Sau.

Wenn er es objektiv betrachtete, war er dieses Jahr ja lange von den kletterunbegabten Zweibeinern verschont geblieben. Zuerst war ihnen vorzeitig die Lust am Skifahren abhanden gekommen, dann hatten die Bergbahnen den Betrieb bis weit in den Sommer hinein eingestellt und als es allzu arg zu drohen wurde, folgte zu seiner grossen Erleichterung eine feuchte, kalte Phase.

Aber eben gestern, am Nationalfeiertag dieser kletterunbegabten, hirn-, ähm hornlosen Zweibeiner, waren sie nicht mehr zu bremsen gewesen. Einmal mehr konnte der Steinbock nur seinen Kopf schütteln. Wie schön war es doch gewesen an jenem 1. August 2003, als wegen akuter Trockenheit in seinem Heimatkanton ein Feuerungsverbot ausgesprochen wurde. So etwas würde er sich jeden 1. August wünschen.

Doch nun war ja das Schlimmste überstanden. Obwohl, er wusste aus früheren Jahren, dass die Hornlosen mitunter auch noch Tage später aus irgendeinem Fundus Schwärmer losliessen. Er würde wohl auch das noch überstehen. Denn im Gegensatz zu der bevorstehenden Jagdsaison waren Frauenfürzli ja sowas von harmlos.