Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Unser gemeinsame Weg

Zwei Tage lang lag der dicke Kartonumschlag in meiner Wohnung, bevor ich mich getraute, ihn zu öffnen. Ich wusste, es würde ein harter Brocken werden. Aber irgendwann musste ich ja.

Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte das Fotoalbum, das nun vor mir lag, noch mit meinem Mann zusammen anschauen. Ich habe so viele Bilder von unseren gemeinsamen Reisen, Wanderungen, Ausflügen auf dem PC, die ich bestenfalls einmal anschaue, wenn ich ein geeignetes Bild für einen Blog-Beitrag suche. Als mein Mann krank wurde, begann ich damit, ein Album mit Bildern von ihm zu erstellen. Kein Querschnitt durch unsere gemeinsamen 24 Jahre, aber immerhin von den letzten 12 Jahren, seit ich auf Digitalfotografie umgestiegen bin. Ich hatte immer gehofft, dass wir uns das Album noch gemeinsam ansehen könnten. Aber die Zeit lief mir davon. Es war mir plötzlich wichtiger, die letzten Wochen an der Seite meines Mannes als vor dem Monitor zu verbringen.

Als mir der Moment endlich geeignet schien, richtete ich mich im Wohnzimmer gemütlich ein, entfernte die Kartonverpackung und anschliessend das Cellophan-Papier um mein Werk. Lange betrachtete ich den Deckel, den dieses Bild schmückt:

DSC09926

Die ersten Emotionen überkamen mich schon, als ich den Titel las: „Die schönsten Momente unseres gemeinsamen Weges“. Langsam blätterte ich Seite für Seite um. Obschon ich die Bilder kannte, jedes einzelne selber geschossen hatte, entdeckte ich viel Neues auf den über einhundert Seiten. Es wurde ein tränenreicher Abend. Ich überlegte mir, was mein schwerkranker Mann dabei empfunden hätte, wenn er all diese Bilder von sich gesehen hätte, als er noch stundenlange Wanderungen unternehmen konnte, bei Wind und Wetter auf der Skipiste stand, auf den See zum Angeln ruderte. Vielleicht ist es besser, dachte ich beim Betrachten der Bilder plötzlich, dass ihm dies erspart blieb. Es hätte ihn nur noch mehr auf seinen hilf- und aussichtslosen Zustand aufmerksam gemacht.

Aber mir wird das Album helfen, das Bild meines Mannes wieder ins richtige Licht zu rücken. Weg vom schwer angeschlagenen, unheilbar Kranken hin zu dem was ich an ihm immer sah: Den unternehmungslustigen, witz- und geistreichen, liebevollen Ehemann, der auf alles eine Antwort wusste und mir so sehr das Gefühl von Sicherheit vermittelt hat. Momentan bin ich zwar noch weit davon entfernt, aber ich hoffe zumindest, dass mir das in absehbarer Zeit gelingen wird.

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10 Antworten zu “Unser gemeinsame Weg

  1. Piccolina 28. September 2017 um 11:14

    Meine Liebe, ich bewundere dich dass du das schon geschafft hast. Nur zu gut weiss ich wie schmerzlich es ist diese Fotos anzuschauen. Für ein paar Minuten holt es in unserer Erinnerung unsere Liebsten gesund und glücklich wieder zurück. Zurück um gleich wieder vom aufsteigenden Bild der von der Krankheit gezeichneten verdrängt zu werden.
    Ich weiss schon aus Erfahrung nach dem Tod meines Mamis (2014) dass es sehr lange dauert diese Bilder in den Hintergrund zu verdrängen. Bei ihr gelingt mir das manchmal bei meinem Mann noch nicht wirklich. Nur beim Betrachten von eben diesen schönen Erinnerungsbildern und das ist immer mit sehr viel Emotionen verbunden.
    Wir schaffen das, aber es braucht sehr viel Zeit. Viel Kraft wünsche ich dir. Meine Buchprojekte stehen auch seit langer Zeit aber eben….. noch bin ich nicht soweit.

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    • Flohnmobil 29. September 2017 um 16:45

      Die schlimmste Erinnerung, die ich von meinem todkranken Mann habe, ist nun definitiv aus meinem Blickfeld verbannt: Ich konnte den Rollstuhl verkaufen. Diesen schrecklichen Anblick, jedes Mal wenn ich in die Waschküche runter ging, muss ich nun nicht mehr ertragen.

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  2. Yael Levy 28. September 2017 um 14:03

    Liebe Flohnmobil,
    Der Mensch, den wir lieben, ist nicht mehr da, wo er war, aber überall dort, wo wir sind und seiner gedenken.
    Ich wünsche dir viel Kraft.

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  3. Yael Levy 28. September 2017 um 14:06

    Und das Bild oben ist wunderschön und sehr aussagekräftig!

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  4. anneinsideoffice 28. September 2017 um 21:35

    Immer wenn du an ihn denkst und dadurch traurig wirst, ist dies ein Zeichen dafür, dass er noch in deinem Herzen ist.

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  5. modepraline 29. September 2017 um 10:52

    Wie wunderbar, wenn man solche Erinnerungen nicht nur im Herzen, sondern auch in einem Buch hat. Und ich denke, dass er mit Dir zusammen die Bilder angeschaut hat … ich bin sogar überzeugt davon … und er hat sich darüber gefreut und ist saumässig stolz auf seine starke Frau. Ich drücke Dich! 🙂

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