Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Hotel des Grauens

Anlässlich der Messe “Swissbau” hatte ich zusammen mit mehreren Arbeitskollegen das ziemlich zweifelhaft Vergnügen, in einem Hotel in der Basler Innenstadt zu übernachten. Darüber hatte ich – meines Zeichens Chefredaktorin der Personalzeitung – einen Artikel verfasst, den ich für euch ausgegraben habe:

Nicht, dass nun ich besonders prädestiniert wäre, mich über Hotels auszulassen oder gar regelmässig auswärts übernachten würde, doch nach diesem Besuch in besagtem Hotel juckte es mich in den Fingern, meine satirische Ader begann zu pulsieren.

Vorgewarnt
Keineswegs mehr ganz unvoreingenommen begaben wir uns nach der Messe in Richtung Hotel. Von unseren Kollegen hatten wir bereits erfahren, was uns dort erwartete. Meine schlimmsten Befürchtungen sollten sich allerdings nicht bewahrheiten – sie wurden bei weitem übertroffen!

Bereits beim Betreten des Hotels befiel uns das klamme Gefühl, dass unsere Kollegen nicht übertrieben hatten. Nach der Übergabe des Zimmerschlüssels – der uns in der Form einer Lochkarte bereits den ersten nostalgischen Touch vermittelte – begaben wir uns zu unseren Gemächern.

Sesam – öffne dich!
Im Gang vor den Zimmertüren angekommen, fühlte man sich auch ohne viel Fantasie in eine Strafanstalt versetzt. Orangerote, nach aussen öffnende und mindestens 10 cm dicke Türen in einem Gang, der jeden Schritt erhallen liess, straften das Auge des entsetzten Betrachters. Nur noch die Lochkarte, die darauf wartete, in den Schlitz neben der Türe geschoben zu werden und dieselbe mit einem laut hörbaren “Ratsch” zu entriegeln, trennte mich von meinem Schlafgemach.

Was für ein Anblick! Ich war mir unschlüssig, ob ich vor Entsetzen umkippen sollte, oder ob mich in Kürze ein Lachanfall dahinraffen würde ob dem Bild, das sich mir bot. Die Einrichtung hätte eher ins Freilichtmuseum Ballenberg gepasst, als in ein 3-Sterne-Hotel. Die 135 Franken, die uns diese Übernachtung kosten sollte, erschienen mir schon zu hoch, bevor ich wahrnahm, dass ich mich in einem Raum befand, der mit ziemlicher Sicherheit in den vergangenen 20 Jahren nur noch punktuelle Reinigung erfahren hatte – wenn überhaupt.

Lieber im Kuhstall übernachten
Ich darf wohl sagen, dass ich schon öfters in billigen Hotels abgestiegen bin, auch bin ich gewohnt, in Massenlagern zu übernachten. Soweit also kann ich mich als relativ “abgebrüht” in Sachen bescheidenen, ja primitiven Übernachtungsmöglichkeiten bezeichnen. Doch dieses Zimmer war weder bescheiden noch primitiv und schon gar nicht billig! Es war schlichtweg eine Katastrophe.

Für die schummrige Beleuchtung, die ich im Zimmer antraf, gab’s für mich nur eine Erklärung: Bei 40 Watt Lichtstärke sieht man schätzungsweise auch nur 40 % des herumliegenden Drecks.

Nach einem anstrengenden Tag an der Messe hätte ich mich eigentlich auf eine Dusche gefreut. Doch nachdem meine Bürokollegin tags zuvor beinahe auf der Seife des Vorgängers ausgerutscht war, wollte sich diese Freude nur zögernd einstellen! Beim Anblick des Bads hätte sich wohl jeder Sanitär-Installateur einen fetten Sanierungsauftrag ausrechnen können. Alles, aber auch wirklich alles musste aus den allerersten Anfängen dieser Absteige stammen. Ich verzichtete darauf, mir die Haare zu waschen, denn nach meinen Schätzungen wäre ich über Stunden hinweg damit beschäftigt gewesen, mir mit dem spärlich fliessenden Wasserstrahl das Shampoo wieder aus den Haaren zu spülen. Die Frottierwäsche gab ihre Identität nur dadurch Preis, dass sie sich im Bad befand. Ansonsten wäre der Vergleich mit Schmirgelpapier wohl zutreffender gewesen.

En tüüfe und gsunde Schlaf?
Sie werden Verständnis dafür aufbringen, dass wir für das Nachtessen eine andere Lokalität aufsuchten und im Anschluss daran noch keinen Drang verspürten, ins Bett zu gelangen. Das Bett war ohnehin nur auf Distanz als solches erkennbar. Bei Nähertreten entpuppte es sich eher als Gondel, sowohl was die Form als auch die Stabilität betraf.

Nach einem nicht so ganz “tüüfe” und “gsunde” Schlaf, wie ich ihn eigentlich nötig gehabt hätte, weckte mich das Geplantsche aus dem Ententeich im 5 x 5 Meter grossen Hof. Als mein Zimmernachbar sich entschloss, eine Dusche zu nehmen, rauschte das Wasser so gnadenlos durchs ganze Hotel, dass mir niemand übelnehmen wird, dass ich mich kurz vergewissern musste, ob ich nicht auch gleich nass werden würde.

“Reichhaltiges” Frühstücksbuffet
Über die Qualität des Essens kann ich Ihnen an dieser Stelle keine Informationen aus erster Hand geben. Denn nach allem, was ich gehört hatte über saure Milch zu den Corn Flakes und Haaren zwischen einzelnen Käsescheiben, hatte ich mich entschlossen, auf ähnliche Erfahrungen zu verzichten und an unserem Messe-Stand eine Tasse Kaffee zu trinken.

Ich will nun aber das Hotel nicht noch weiter in den Dreck ziehen, denn da steckt es meiner Meinung nach ohnehin ziemlich tief drin, doch habe ich mich schon gefragt, ob wir die letzten Gäste vor der Gesamtsanierung seien. In diesem Zusammenhang hatte sich sogar ein Mitarbeiter des Engineerings spontan bereit erklärt, ein Entsorgungs-Konzept für das gesamte Hotel zu erstellen.

Ich hoffe nun für Sie, dass Sie sich nie in dieses Hotel verirren werden. Ich kann Sie insoweit beruhigen, dass wir auf einen Beschwerdebrief an die Basler Hotelreservation hin den Bescheid erhalten haben, dass das Hotel Ende März geschlossen werde. Mich wundert’s überhaupt nicht…!

Übrigens: Den ersten Entwurf zu diesem Artikel habe ich in einer schlaflosen Nacht in besagtem Hotel verfasst; es befand sich noch genau ein Blatt Papier in der Schreibmappe.

DSC08660

Warum ich diesen alten Kaffee gerade jetzt aufwärme? Weil die Swissbau in Basel noch bis morgen dauert. Weil aufgewärmte Gerichte nicht unbedingt schlechter schmecken müssen als frisch gekochte. Weil ich euch einen Einblick in mein Wirken vor über 20 Jahren geben wollte. Weil ich meinen damaligen Schreibstil ansatzweise wiedererkenne. Und weil dies mein erstes öffentliches Werk war, für dessen Inhalt ich zu hundert Prozent selber verantwortlich war. Gewisse Missstände auf humoristische Art zu zerpflücken muss mir schon damals grossen Spass bereitet haben.

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10 Antworten zu “Hotel des Grauens

  1. Erika 15. Januar 2016 um 18:12

    Sehr gut geschrieben!

    Gefällt mir

  2. Werner Ammann 15. Januar 2016 um 21:54

    Wenigstens konntest du das Hotel mit dem guten Gefühl verlassen, dass der Besitzer mit Sicherheit nicht draufgelegt hat 🙂
    Gruess vom Werner

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  3. Annette 16. Januar 2016 um 08:55

    Oh köstlich. Ich glaube, ich habe beim Lesen Pickel gekriegt…

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  4. Hausfrau Hanna 16. Januar 2016 um 09:04

    Bin ich froh,
    liebe Frau Flohnmobil,
    dass ich nie gezwungen bin, in Basel im Hotel zu übernachten… 😉

    Mit einem leichten Gruseln
    grüsst Hausfrau Hanna

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  5. anneinsideoffice 16. Januar 2016 um 11:14

    Die konnten sich das auch nur wegen der Messen leisten! Sonst wären die schon früher pleite gegangen!

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