Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Piepsende Stille

Die folgende Geschichte handelt nicht von einem Kanarienvogel, sondern von einem Radiosender. Und sie spielte sich ab in einer Zeit, als der Mensch noch nicht wusste, dass er dereinst von einem kleinen Kästchen abhängig sein würde, ohne das er keinen Schritt aus dem Haus machen würde und mit dem er immer und überall Zugriff auf die aktuellsten Nachrichten hatte. Die Rede ist hier von einer Zeit, als es noch kaum private Radiosender gab und unsere ganze Aufmerksamkeit Radio DRS 1, 2 oder 3 galt.

Anfangs Achtziger Jahre ging ich regelmässig in Zürich in die Escher-Wyss-Kantine zum Mittagessen. Kreti und Pleti traf sich dort in der gänzlich charmefreien kulinarischen Abfertigungshalle zum Mittagessen. Die einen im Übergwändli, die anderen in der Krawatte. Es war immer relativ laut in dem hohen, grossen Raum. Genau bis zu dem Zeitpunkt, wo kurz vor 12.30 Uhr eine Geisterhand das Radio einschaltete und es aus den Lautsprechern „piep – piep- piep –piiiiep“ machte. Das war der einvernehmliche Startschuss zu kollektiver Ruhe. Jeder horchte, obschon er wusste, was direkt im Anschluss an das wohlbekannte Piepsen folgte: „Radio DRS eins. Es ist zwölf Uhr dreissig. Sie hören Nachrichten“.

War zuvor der Raum noch erfüllt gewesen von lauten Stimmen, dem Klappern von Besteck und dem Zurechtrücken von Stühlen, herrschte unvermittelt Ruhe. Grabesruhe. Essen wurde für einige Minuten zur Nebensache, Kaugeräusche tunlichst vermieden. Denn jeder wollte zuhören, was der Nachrichtensprecher zu vermelden hatte. Halb eins, die Zeit war in der ganzen Deutschschweiz heilig.

Ich bin mir sicher, dass damals auch mancher Familien-Mittagstisch begleitet wurde von den Worten des Nachrichtensprechers.

Vielleicht bei euch zu Hause?

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7 Antworten zu “Piepsende Stille

  1. Spottdrossel 11. November 2013 um 17:50

    Natürlich nicht mit dem selben Sender, aber ich erinnere mich noch mit nostalgischer Wehmut an die Zeit, als der Nachrichtensprecher auch ohne jedes Tamtam die Wettervorhersage vorlesen durfte und dafür kein zusätzlicher Mensch benötigt wurde, der mit viel Drumherum so tut, als wäre er persönlich für das Wetter verantwortlich.

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  2. notiznagel 11. November 2013 um 18:56

    Genau so und wehe wir wollten etwas über die Prügelei auf dem Heimweg von der Schule los werden, hiess es: „Ruhig, davon später!“
    Super, du hast den Piiiep und die Ansage so schön beschrieben. Ich sitz wieder am Mittagstisch.

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  3. runningtom 11. November 2013 um 19:35

    Aber sicher hatte da Ruhe zu herrschen am Mittagstisch…
    Wäre vielleicht gar nicht schlecht wenn es so einen ruhigen Moment heute auch noch ab und zu gäbe…

    Ich hör zwar um die Zeit selten noch Radio und dann noch seltener DRS 1.. aber hast Du gewusst dass da auch heute noch um Mitternacht die Nationalhymne gespielt wird?

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