Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Kaktus mit Trinkgeld

Eigentlich hatten wir unseren Camper nur verlassen, weil wir den Hirschen zuschauen wollten, die versuchten, nördlich des Yellowstone National Parks den reissenden Fluss zu durchqueren. Sonst hätte ich ihn nie gesehen. Und nie hätte ich geglaubt, dass so etwas wie er dort vorkommt.

Ich hatte mich auf Anhieb in ihn verliebt. So sehr, dass ich ihn nicht dort lassen konnte. Kurzerhand grub ich ihn aus. Es hatte ja noch genügend von seiner Sorte vor Ort. Ich liess mir also kein schlechtes Gewissen einreden von wegen „Entwurzelung“ und dergleichen, sondern nannte ihn ab sofort mein Eigen.

Fortan begleitete er mich auf Schritt und Tritt. Ging ich nach draussen, durfte er mit. Fuhr ich weiter, tat er es mir gleich. Das ging einige Wochen gut, genau so lange, bis ich ihn vergass. Ja, einfach stehen liess! Das tat ich nicht etwa, weil ich seiner überdrüssig war, sondern weil ich erst fünfzig Kilometer weiter merkte, dass ich ihn nach seinem Sonnenbad auf einem Tisch im Haynes Point Provincial Park in British Columbia/Kanada nicht mehr in den Camper zurückgeholt hatte.

Ich zwar zutiefst betrübt. Mein innig geliebter Mitreisender dagegen vertrat den Standpunkt, dass es ja nur ein Kaktus gewesen sei. Und deshalb sei es gar kein Thema, wegen dem stacheligen Gewächs grosses Aufhebens zu machen, geschweige denn, zurück zu fahren.

Diese Kröte musste ich schlucken und tröstete mich damit, dass wir auf dem Weg nach Alaska waren, einer grundsätzlich kaktusunfreundlichen Region.

Dieses Bild ist alles, was mir vom Kaktus blieb.
Und die Erinnerung an eine sehr spezielle Geschichte.

Ein gutes halbes Jahr später kamen wir auf einem Campingplatz in Mazatlan/Mexico mit einem Kanadischen Ehepaar ins Gespräch. Die Beiden erzählten uns, dass sie im Sommer jeweils einen Campground betreuten und die Wintermonate mit ihrem Wohnmobil in die Wärme Mexikos verbrächten. Das machen übrigens viele Kanadier so, insbesondere Farmer, die in den weiten Ebenen von Manitoba, Saskatchewan und Alberta reinen Ackerbau betreiben. Da sie keine Nutztiere halten, können sie im Herbst einfach den Schlüssel drehen und verreisen.

Wo sie denn Camphosts seien, wollte ich wissen, denn es bestand ja eine zumindest theoretische Möglichkeit, dass wir dort auch vorbeigekommen waren auf unserer Reise. Im Haynes Point Provincial Park, lautete die Antwort und sofort war mir die Geschichte mit meinem Kaktus wieder präsent. Ich erzählte den Kanadiern, dass wir im Sommer dort übernachtet hätten und ich meinen kleinen Kaktus stehen gelassen hatte.

„Nein, was für ein Zufall“, die Kanadierin war entzückt, „den habe ich gefunden und zu mir ins Haus genommen.“ Da waren wir alle Vier platt und lachten herzhaft über diese Fügung, die zweitausend Kilometer weiter nördlich ihren Lauf genommen hatte. Zum Abschied ermahnte ich die neuen Besitzer, doch schön nett zu meinem Kaktus zu sein und gab ihnen das wenige kanadische Kleingeld, das wir noch hatten und ohnehin nicht mehr brauchten, damit sie ihm einen anständigen Topf und ein paar Tropfen Dünger kaufen konnten.

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2 Antworten zu “Kaktus mit Trinkgeld

  1. Wilde Henne 11. März 2013 um 09:55

    Um wieder mal einen platten Spruch loszuwerden: Die Welt ist ein Dorf! 😉
    Schöne Geschichte.

    Gefällt mir

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