Flohnmobil – im Alltag unterwegs

Reiseberichte und Anekdoten. Alltagskram im Lande Balkonien.

Im Angesicht des Bären (1)

Bären sind weich, knuddelig, niedlich und harmlos. Zumindest wenn sie aus Plüsch sind. Seit dem Abschuss von M13, der als Risikobär eingestuft wurde, ist die Diskussion über freilebende Bären in unserem Land wieder neu entfacht. Ich habe meine Meinung zu diesem Thema schon Kund getan. Heute veröffentliche ich eine Geschichte, von einer unserer zahlreichen Bärenbegegnungen, die sich auf unserer Reise in Nordamerika ereignet hatte.

Wir hatten unsere Reise von langer Hand geplant. Wir hatten Reiseführer und Karten studiert und versucht, uns mit dem Land vertraut zu machen. Seitenweise hatten wir über endlose Wälder in Kanada gelesen, über Gefahren, die uns drohen konnten. Wir wussten daher, welches Verhalten erforderlich wäre, sollte uns ein Bär auf freier Wildbahn begegnen. In der Theorie existierten hierfür klare Regeln: Gerate nie zwischen eine Bärin und ihr Junges! Vermeide es, einen Bären zu erschrecken, indem du ihn durch lautes Rufen auf dich aufmerksam machst! Renn nicht davon; der Bär ist schneller als du! Spar dir die Mühe, auf Bäume zu klettern! Der Bär kann das besser als du. In der Theorie tönte das einleuchtend, doch die Praxis sah anders aus. Ausserdem hatte kein einziger Reiseführer beschrieben, was zu tun sei, wenn man in eine Sackgasse geriet…

Mein innig geliebter Mitreisender und ich befanden uns im Riding Mountain National Park in der kanadischen Provinz Manitoba. Wir waren ganz froh um das Blech unseres Campers, für einmal nicht wegen den Bären, von denen wir auf unserer Reise schon mehrere gesehen hatten, sondern wegen der Büffelherde, durch die wir gerade fuhren. Die Strasse führte nämlich mitten durch das weitläufige Gehege, in dem die beeindruckenden Tiere gehalten wurden. Das ganze Areal war von einem drei Meter hohen Zaun umgeben. Wir fuhren weiter zum malerischen See und wie an fast allen hübschen Orten gab es auch dort einen einfachen Campingplatz. Die Suche nach dem schönsten Stellplatz gestaltete sich für einmal nicht schwierig, denn praktisch alle Plätze lagen direkt am Wasser. Infrastruktur gab es ausser einem Plumpsklo keine, doch nur so konnte sich das echt kanadische Wilderness-Feeling einstellen. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass wir Kanada bald von einer Seite kennen lernen würden, die weitaus wilder war, als uns lieb sein konnte.

Der Park erstreckte sich über mehrere hundert Quadratkilometer. Nur ein kleiner Teil war mit Wegen erschlossen, die wenigen mit Autos befahrbaren Strassen liessen sich an einer Hand abzählen. Was also lag näher, als auf einem nachmittäglichen Spaziergang die Umgebung zu erkunden? Wir wollten dem Pfad, der in einer vierstündigen Wanderung um den See führte, nur ein kurzes Stück folgen und hatten deshalb keinen Rucksack dabei. Sämtliche Utensilien zum Schutze gegen Wind, Wetter und Natur waren im Camper zurück geblieben.

Der Weg bog vom See in Richtung des Geheges ab und schien längere Zeit parallel dem Zaun entlang zu führen. Das Seeufer verlor sich langsam aus dem Blickfeld und machte dem kanadischen Dickicht Platz. Büffel waren von hier aus keine zu sehen, doch ihre Spuren entlang der drei Meter hohen Umzäunung waren offenkundig. „Hoffentlich hat der Zaun kein Loch“, witzelte ich. „Keine Sorge, Büffel sind Pflanzenfresser, die würden uns nichts tun.“ Der Mitreisende gab sich wie immer pragmatisch.

Wir gingen dem Weg entlang, erblickten hier ein Blümchen, hörten dort einen Vogel trällern. Auf diesem Breitengrad unterscheidet sich der kanadische Wald nicht wesentlich von dem daheim. Brombeergestrüpp am Boden, Farne, Sträucher, Tannen, Laubbäume, Dickichte und Lichtungen wechselten sich ab. Ganz anders jedoch die Fauna. Nebst den nicht eben beliebten Stinktieren gab es Respekt einflössende Wapiti-Hirsche und Elche. Am Himmel kreisten majestätische Seeadler, die vielen Wasserläufe stellten das Refugium von Biberfamilien und dem kanadischsten aller Vögel, dem Loon, dar. All diese Tiere galten als harmlos, im Gegensatz zu Bären, die überall und jederzeit auftauchen konnten.

Plötzlich dieses verräterische Knacken im Dickicht. Da war doch nicht etwa…? Wir bückten uns und spähten ins Unterholz. Was uns da entgegen kam war ohne Zweifel ein ausgewachsener Schwarzbär. Der pelzige Kerl trampelte nieder, was ihm im Wege stand und bewegte sich auf den Pfad zu. Dort musste er sich entscheiden: rechts oder links? Geradeaus war ihm der Weg versperrt, da stand der drei Meter hohe Zaun. Zurück wollte er ebenso wenig. Unschlüssig blieb das Tier mitten auf dem Weg stehen, hielt die Nase in die Luft, schnupperte, fletschte die Zähne.

Uns gefror das Blut in den Adern. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis wir wieder zu einer Handlung fähig waren. Es war der Mitreisende, der die Initiative ergriff. „Wir müssen uns gross machen, wie es in den Führern geschrieben steht. Und schreien müssen wir, laut schreien.“ Wir winkten und schrieen aus Leibeskräften. Unser Herz rutschte allmählich dem Hosenboden entgegen. Gleichzeitig bewegten wir uns mit langsamen, bedachten Bewegungen vom Bären weg, auch wenn uns der Sinn eher nach davonrennen stand.

Der Bär zeigte sich von unserem Gestikulieren und Schreien unbeeindruckt. Gemächlichen Schrittes trottete er in unsere Richtung. Noch trennten ihn gut zwanzig Meter von uns.

Fortsetzung folgt.

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3 Antworten zu “Im Angesicht des Bären (1)

  1. Hausfrau Hanna 23. Februar 2013 um 16:40

    Immer wenn es am spannendsten war,
    liebe Frau Flohnmobil,
    kam das ‚aus‘ oder das ‚Fortsetzung folgt‘. Ich mochte es schon damals nicht 😦

    Herzlich und auf ein baldiges Weiterlesen!
    Hausfrau Hanna

    PS. Und mir wäre in dieser brenzligen Situation nicht nur das Herz in den Hosenboden gerutscht, ich hätte mir diesen auch noch vollgemacht…

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  2. Pingback: Im Angesicht des Bären (2) | Flohnmobil - im Alltag unterwegs

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